17.02.2026

Wachstumsmotor Hightech

Eine aktuelle Studie identifiziert 1,7 Billionen Euro ungenutztes Potenzial, doch der Standort Deutschland droht, im globalen Technologiewettbewerb den Anschluss zu verlieren.

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Ein Hightech-Potenzial von rund 1,7 Billionen Euro bietet deutschen Unternehmen die Chance, im internationalen Technologiewettbewerb entscheidend aufzuholen. In zentralen Schlüsseltechnologien liegen die Voraussetzungen, um Wertschöpfung zu skalieren und industrielle Stärke in zukünftigen Leitmärkten auszubauen – während andere Nationen wie die USA und China diese Hebel bereits systematisch nutzen und damit den Handlungsdruck für Deutschland erhöhen.

Wie ein Kurswechsel gelingen kann, zeigen BCG und UnternehmerTUM, Europas größtes Zentrum für Innovation und Unternehmensgründung, in ihrer Studie „Wachstumspfade“. Im Fokus stehen die sechs Schlüsseltechnologien der Hightech Agenda Deutschland (HTAD) des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und die Frage, wie sich technologische Stärken schneller in skalierbare Geschäftsmodelle und nachhaltiges Wachstum übersetzen lassen.

Zu wenig Innovation, zu wenig Kapital

Deutschlands Innovationssystem verfügt über ein erhebliches Wachstumspotenzial – insbesondere dort, wo wissenschaftliche Stärke, Skalierung und Kapital systematisch zusammengeführt werden. Die Studie zeigt: Wenn klare Umsetzungsstrukturen und ausreichendes Wachstumskapital verfügbar sind, entstehen Wertschöpfung und Renditen, vor allem in KI-getriebenen Zukunftsfeldern. International wird dieses Potenzial bereits genutzt, während Deutschland trotz einer breiten technologischen Basis wirtschaftlich hinter seinen Möglichkeiten bleibt.

So lag die Zahl aktiver Patente 2023 mit rund 930.000 unter dem Niveau der USA (3,5 Millionen) und Chinas (5 Millionen). Noch deutlicher wird der Unterschied bei wachstumsstarken Technologieunternehmen: In den USA sind rund 700, in China etwa 370 Unicorns entstanden – in Deutschland bislang rund 30. Auch beim Wachstumskapital besteht erhebliches Aufholpotenzial: 2024 investierten Kapitalgeber hierzulande weniger als 10 Milliarden US-Dollar Venture Capital, verglichen mit 209 Milliarden in den USA und rund 40 Milliarden in China.

Erfolgversprechende Schlüsseltechnologien

  • Künstliche Intelligenz: Deutschland verfügt über exzellente Forschung, industrienahe Anwendungsfelder und international wettbewerbsfähige Unternehmen, bleibt bei Plattformen, Infrastruktur und Skalierung jedoch hinter den USA und China zurück.
  • Quantentechnologien: In der Quantenforschung zählt Deutschland zur internationalen Spitze, der Übergang zu marktfähigen, zertifizierten Systemen verläuft jedoch noch zu langsam. Das größte Potenzial liegt in Enabler-Technologien wie Photonik, Hochleistungsoptik, Lasersystemen und Kryotechnik sowie in Plattformen wie Ionenfallen- und Neutralatom-Systemen.
  • Mikroelektronik: Als Fundament nahezu aller Zukunftstechnologien ist die Mikroelektronik strategisch zentral, zugleich bestehen hohe Abhängigkeiten in globalen Lieferketten. Deutschland ist insbesondere bei Leistungselektronik und Halbleiter-Equipment stark, während neue Felder wie Chiplets, Photonik und Advanced Packaging bislang nur begrenzt industrialisiert sind. Die größten Chancen liegen nicht im Bau hochkomplexer Spitzenchips, sondern bei leistungsfähigen Industriechips, Chip-Bausteinen, neuen Verpackungstechnologien, photonischen Chips und neuartigen Speicher- und Logikansätzen. Wichtige Hebel sind hierbei spezialisierte Exzellenzcluster, eine stärkere europäische Zusammenarbeit im Chipbereich und verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen.
  • Biotechnologie: Trotz starker Industrie und Forschung bleibt das biotechnologische Potenzial in Deutschland bislang weitgehend ungenutzt. Fragmentierte Strukturen, regulatorische Hürden und fehlende Pilot- und Skalierungsinfrastrukturen bremsen den Transfer in die Anwendung. Abhilfe schaffen konkrete Umsetzungsfahrpläne, Biotech-Innovation-Hubs, KI-gestützte Translationszentren sowie schnellere und verlässliche Genehmigungs- und Zulassungsprozesse.
  • Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung: In vielen Technologien für erneuerbare Energien hat Deutschland internationale Führungspositionen eingebüßt, in neuen Feldern wie industrieller Wärme und Kernfusion ist die globale Marktführerschaft jedoch noch offen. Forschung und eine breite industrielle Basis bieten hierfür eine vielversprechende Ausgangslage, um im klimaneutralen globalen Energieerzeugungsmarkt von über 570 Milliarden Euro im Jahr 2030 eine relevante Rolle spielen zu können.
  • Klimaneutrale Mobilität: Die Transformation der Mobilität verändert zentrale industrielle Wertschöpfungsketten in Deutschland. Gleichzeitig drohen neue Abhängigkeiten, etwa bei Batterietechnologien und automatisierten Mobilitätssystemen. Zentrale Hebel sind die Stärkung der Batteriewertschöpfung in Europa, die skalierte Einführung autonomer Systeme über verschiedene Verkehrsträger hinweg sowie der Aufbau eines Hyperloop-Industriesystems als neues Zukunftsfeld.

Schneller von der Pilotierung in den Echtbetrieb

Erfolgsentscheidend für Unternehmen ist auch der Zugang zu Wachstumskapital über alle Entwicklungsphasen hinweg, insbesondere in der kapitalintensiven Skalierung. Um Innovationen nicht auszubremsen und Entwicklungszeiten zu verkürzen, sind schnelle, planungssichere und innovationsfreundliche regulatorische Rahmenbedingungen erforderlich: klare Verantwortlichkeiten, schnelle Entscheidungen und eine wirksame Governance, die Prioritäten setzt, Fortschritte messbar macht und industrielle Entwicklung konsequent steuert. „Ob Deutschland im Technologiewettbewerb aufholt, entscheidet sich nicht bei der Idee, sondern bei der Translation und Skalierung“, sagt Philipp Gerbert, CEO von TUM Venture Labs und Senior Partner Emeritus BCG, „Jetzt geht es darum, Deeptech-Innovationen schneller aus der Pilotphase in industrielle Anwendungen zu überführen.“ Andernfalls drohen zentrale Zukunftsmärkte und damit verbundene Wertschöpfung dauerhaft außerhalb Deutschlands zu entstehen.

(BCG vom 13.02.2026 / RES JURA Redaktionsbüro – vcd)


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