Auf die deutsche Wirtschaft wirken weiterhin gegenläufige Kräfte. Während die Finanzpolitik für expansive Impulse sorgt, bremsen die Folgen des Irankriegs die wirtschaftliche Dynamik. Das zeigt die aktuelle Sommerprognose des Kiel Instituts. Demnach wird das Bruttoinlandsprodukt trotz der expansiven Fiskalpolitik in diesem Jahr voraussichtlich um lediglich 0,8 % zulegen, für das kommende Jahr haben die Ökonomen die Prognose von zuvor 1,4 % auf 1,0 % gestutzt. Während bislang kaum Anzeichen für eine kräftige Erholung bei Exporten und Unternehmensinvestitionen erkennbar sind – wie sie für frühere Erholungsphasen charakteristisch waren –, dürften vor allem die öffentlichen Konsum- und Investitionsausgaben anziehen. Demgegenüber bleibt die private Investitionstätigkeit schwach, und auch die Beschäftigungsperspektiven haben sich deutlich eingetrübt.
Konjunktur weiter im Zeichen des Irankriegs
Die deutlich gestiegenen Rohstoffpreise infolge des Irankriegs führen derzeit zu spürbaren Kaufkraftverlusten, die die wirtschaftliche Entwicklung hemmen. „Die Folgen des Irankriegs dämpfen die Wirtschaftsleistung“, erklärt Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts. „Der Anstieg der Rohstoffpreise erweist sich als persistenter, was die wirtschaftliche Dynamik bis in das kommende Jahr hinein belasten wird.“
Auch die grundlegenden Probleme der deutschen Wirtschaft bestehen fort. So haben sich die Exporte zwar zuletzt stabilisiert und werden wohl allmählich wieder einen moderaten Expansionskurs einschlagen. Von einer dynamischen Erholung kann jedoch nach den Rückgängen der vergangenen Jahre nach wie vor keine Rede sein. „Die nachlassende Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wird weitere Verluste an Weltmarktanteilen nach sich ziehen“, sagt Stefan Kooths, Konjunkturchef des Kiel Instituts. „Gemessen an früheren Aufschwüngen fallen die erwarteten Zuwächse mager aus. Ohne durchgreifende standortstärkende Reformen driftet die deutsche Wirtschaft in ein Fahrwasser aus erlahmenden Wachstumskräften mit sich verschärfenden Verteilungskonflikten.“
Steigende Inflation, moderater Zuwachs bei Exporten
Der deutliche Anstieg der Rohstoffpreise macht sich in einer gestiegenen Inflationsrate bemerkbar. Für das laufende Jahr rechnet das Kiel Institut mit 2,8 %, auch im kommenden Jahr wird die Inflation mit 2,3 % erhöht bleiben. Der Zuwachs bei den Exporten fällt mager aus: Aufs Jahr gerechnet dürften die Exporte nur leicht um 1,8 % zulegen.
Privater Konsum kommt kaum voran, Bauinvestitionen steigen leicht
Der private Konsum steigt hingegen kaum, weil höhere Rohstoffpreise Kaufkraft kosten. Das macht sich unter anderem am eingetrübten Konsumklima bemerkbar. Für das laufende Jahr wird mit einem leichten Plus von 0,3 % gerechnet, im kommenden Jahr fällt die Zunahme mit 0,4 % kaum größer aus. Bei den Bauinvestitionen ist der Zuwachs auch aufgrund der gestiegenen Rohstoffpreise gedämpft: Insgesamt wird für 2026 – trotz des Infrastruktur-Sondervermögens – lediglich ein Zuwachs um 0,3 % erwartet, für 2027 wird ein Plus von 1,9 % prognostiziert.
Eingetrübte Aussichten für den Arbeitsmarkt, steigende Staatsverschuldung
Die Aussichten für den Arbeitsmarkt haben sich derweil eingetrübt. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte am Ende des Prognosezeitraums um 330.000 Personen niedriger ausfallen als noch im Frühjahr prognostiziert, das Kiel Institut rechnet im Jahresdurchschnitt mit einer Arbeitslosenquote von 6,3 %, im kommenden Jahr ist ein leichter Rückgang auf 6,2 % zu erwarten. Zugleich weiten sich die Fehlbeträge in den öffentlichen Kassen deutlich aus: Der expansive Kurs der Finanzpolitik lässt das Budgetdefizit von 2,8 % in Relation zum Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 auf 4,1 % im Jahr 2027 steigen.
Weltwirtschaft: Vorübergehend spürbare Abschwächung
Die Weltwirtschaft legt laut Prognose des Kiel Instituts im laufenden Jahr nur noch um 2,8 % zu (2025: 3,4 %). Maßgeblich hierfür ist ein Einbruch der Produktion in den Ländern am Persischen Golf, während sich die Konjunktur in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften sowie in den meisten Schwellenländern nur leicht verlangsamt. Für 2027 ist unter der Voraussetzung einer Beilegung des Konflikts mit dem Iran wieder mit einem Anstieg um 3,3 % zu rechnen.
(IfW Kiel vom 11.06.2026 / RES JURA Redaktionsbüro – vcd)

