Das Eurosystem treibt die Tokenisierung der Finanzmärkte voran. Am 21.09.2026 hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit „Pontes“ eine Infrastruktur gestartet, über die Geschäfte mit tokenisierten Vermögenswerten in Zentralbankgeld abgewickelt werden können. Damit setzt die Notenbank erstmals ihre Strategie für einen stärker auf Distributed-Ledger-Technologie (DLT) basierenden Finanzmarkt praktisch um.
Sicheres Geld für digitale Märkte
Tokenisierung soll Ausgabe, Handel und Abwicklung von Wertpapieren stärker automatisieren. Smart Contracts könnten einzelne Prozessschritte miteinander verbinden und Transaktionen beschleunigen. Pontes soll dabei sicherstellen, dass die Bezahlung nicht ausschließlich über private digitale Geldformen läuft, sondern weiterhin in Zentralbankgeld erfolgen kann.
Die EZB sieht darin einen wichtigen Vertrauensanker für einen künftigen tokenisierten Kapitalmarkt. Banken, Finanzmarktinfrastrukturen und Betreiber von DLT-Plattformen sollen schrittweise angeschlossen werden. Zusätzliche Funktionen und längere Betriebszeiten sind geplant, der vollständige Ausbau soll bis 2028 erfolgen.
Viele Versprechen, noch wenig Belege
Wie groß der wirtschaftliche Nutzen tatsächlich ausfällt, ist allerdings offen. Die EZB spricht von höherer Geschwindigkeit und Effizienz, nennt zum Start aber weder konkrete Kosteneinsparungen noch erwartete Transaktionsvolumina. Auch Fragen nach Gebühren, Skalierbarkeit und der reibungslosen Verbindung unterschiedlicher DLT-Plattformen bleiben zunächst unbeantwortet.
Dass erste Marktteilnehmer bereits angeschlossen sind, zeigt Interesse – noch aber keine breite Akzeptanz. Parallel arbeitet das Eurosystem mit „Appia“ an einem langfristigen Konzept für ein europäisches DLT-Finanzökosystem.
Pontes ist damit weniger der Durchbruch als ein infrastruktureller Brückenschlag. Ob daraus tatsächlich ein effizienterer europäischer Kapitalmarkt entsteht, entscheidet sich erst im laufenden Betrieb.
(EZB vom 21.09.2026 / RES JURA Redaktionsbüro – vcd)

