• Home
  • /
  • Meldungen
  • /
  • Multikrise belastet industrielle Wertschöpfung

19.06.2024

Multikrise belastet industrielle Wertschöpfung

Insbesondere mit Blick auf die langfristige Entwicklung hat sich die Stimmung der Supply Chain-Verantwortlichen verschlechtert.

Beitrag mit Bild

©zapp2photo/fotolia.com

Die deutschen Industrie-Unternehmen blicken pessimistisch in die Zukunft: Mehr als 80 % der Firmen rechnen mit rückläufigen Gewinnen, wie die aktuelle Ausgabe des Supply Chain Pulse Check von Deloitte und Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) zeigt. Denn die bei Rohstoffen und Vorprodukten stark importabhängige Industrie kann ihre globalen Lieferketten immer weniger oder nur mit hohem Aufwand absichern.

Insbesondere mit Blick auf die langfristige Entwicklung hat sich die Stimmung der Supply Chain-Verantwortlichen verschlechtert. 34 % der befragten Unternehmen rechnen in den kommenden zwei bis drei Jahren mit einer zunehmenden Belastung ihrer Lieferketten (2023: 23%). Kurz- und mittelfristig hat sich der Ausblick dagegen entspannt: Die Zahl der Befragten, die innerhalb der nächsten drei bis zwölf Monate eine Verbesserung erwarten, ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen (um fünf bzw. 13 %punkte).

„Die Unternehmen müssen mehr denn je alternative Szenarien für ihre Produktion und Rohstoffversorgung entwickeln“, sagt Dr. Jürgen Sandau, Partner und Lieferketten-Experte bei Deloitte. „Neben China gilt es, Länder wie Indien, Vietnam oder Indonesien stärker in Betracht zu ziehen.“ Denn geopolitische Risiken wie ein eskalierender China-Taiwan-Konflikt und zunehmende Handelskonflikte bergen aus Sicht von 64 beziehungsweise 58 % der Befragten das größte Risiko für ihre Lieferkettenstrategie.

Starker Trend zu weiteren Verlagerungen

Hinzu kommen die Herausforderungen am Standort Deutschland: Vor allem die regulatorischen Anforderungen hierzulande machen den Unternehmen zu schaffen. Für 75 % der Befragten sind sie das größte Risiko für ihre Lieferkettenstrategie (2023: 59%). „Wir müssen sowohl im Land als auch in den Unternehmen entbürokratisieren“, sagt Lieferketten-Experte Sandau.

Die Energiepolitik (72%; 2023: 67%) und der Fachkräftemangel (71%; 2023: 65%) in Deutschland sowie die Rohstoffpreise (68%; 2023: 73%) werden ähnlich kritisch gesehen. Die Sorge um Cyberangriffe ist nun ganz oben auf der Agenda der Lieferketten-Verantwortlichen angekommen. Bei der jüngsten Befragung im Herbst 2023 war das Thema lediglich für 31 % der Unternehmen kritisch. Heute stellt es für 67 % ein Risiko für die Lieferketten-Strategie dar.

Der Trend zu weiteren Verlagerungen ist entsprechend groß. Knapp jedes zweite Unternehmen (49%) hat Teile seiner Wertschöpfung bereits verlagert und beabsichtigt, dies weiterhin zu tun. 42 % planen, künftig höherwertige Bereiche der Produktion zu verlagern. „Häufig sehen wir hierzulande nur noch Erhaltungsinvestitionen, aber keine Erweiterungsinvestitionen mehr. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, entsteht der Wohlstand der Zukunft nicht mehr in Deutschland.“

In der Frage der Deindustrialisierung erwarten die Firmen wenig Unterstützung. Nur knapp ein Drittel (31%) von ihnen ist der Ansicht, dass die Politik die Gefahr der Deindustrialisierung erkannt hat oder gar die Wende ermöglichen wird. Ein Großteil der Unternehmen (86%) wünscht sich mehr Investitionen und Innovationen hierzulande, damit der Standort im globalen Wettbewerb mithalten kann.

Neue Technologien und nachhaltiges Wirtschaften als Hoffnungsträger

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Der aktuelle Supply Chain Pulse Check zeigt ein Bemühen der Unternehmen um den Standort. 72 % geben an, dass sie ihre Produktion digitalisieren, um in Deutschland weiterhin erfolgreich zu sein. Neue Technologien, insbesondere Künstliche Intelligenz, haben nach Ansicht von 63 % das Potenzial, die Produktivität zu steigern und Mehrkosten hierzulande auszugleichen.

Zirkuläres Wirtschaften wird von 69 % der Befragten als vielversprechendes Mittel gesehen, um ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen zu mindern. Zwei Drittel (66%) geben an, dass damit die Kosten entlang der Lieferkette reduziert werden können. „In vielen Industrie-Unternehmen gibt es nach wie vor Einsparpotenzial“, sagt Oliver Bendig, Partner und Leiter der Industrie-Beratung bei Deloitte. „Hier lohnt sich eine umfassende Analyse mehr als eine vorschnelle Verlagerung.“

Für die dritte Ausgabe des Supply Chain Pulse Check haben Deloitte und BDI zusammen mit dem Service-Verband ISLA mehr als 120 Lieferketten-Verantwortliche befragt. Sie sind überwiegend in Großunternehmen in den Branchen Maschinenbau/Industriegüter, Automobil, Chemie, Bauwesen sowie Transport und Logistik tätig. Die Befragung fand im April und Mai statt. Hier geht es zum vollständigen Supply Chain Pulse Check.

(Deloitte vom 18.06.2024 / RES JURA Redaktionsbüro)


Weitere Meldungen


Meldung

thodonal/123rf.com

27.08.2025

Deutlicher Umsatzrückgang bei deutscher Industrie

Der Abwärtstrend hält an und verstärkt sich sogar: Der Umsatz deutscher Industrieunternehmen sank im zweiten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,1 %, nachdem er im ersten Quartal um 0,2 % geschrumpft war. Bis auf die Elektroindustrie haben sich alle großen Industriebranchen im zweiten Quartal negativ entwickelt. Am schwächsten entwickelte sich im zweiten Quartal die

Deutlicher Umsatzrückgang bei deutscher Industrie
Meldung

Corporate Finance

27.08.2025

Polarisierung wird zum Geschäftsrisiko

Die politische Polarisierung hat im weltweiten Durchschnitt einen historischen Höchststand erreicht. Dies geht mit verstärkter politischer Gewalt und unvorhersehbaren Schwankungen in der Regierungspolitik vieler Länder einher und stellt auch Unternehmen vor neue Risiken. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle Political Risk Index von Willis, einem Geschäftsbereich des globalen Risikoberatungs- und Maklerunternehmens WTW. „Polarisierung und Populismus

Polarisierung wird zum Geschäftsrisiko
Meldung

© mojolo/fotolia.com

26.08.2025

Europas Top-Banken steigern Gewinne

Die kumulierten Nettogewinne der zehn der nach Bilanzsumme größten europäischen Banken sind im ersten Halbjahr 2025 quasi unverändert im Vergleich zum Vorjahr: Aktuell lagen sie bei 49,2 Mrd. Euro – im Vorjahreszeitraum lag der Wert bei 49,4 Mrd. Euro. Die kumulierten Nettogewinne der US-amerikanischen Top-Banken sanken deutlich um etwa 11 % auf 78,1 Mrd. Euro. Nahezu

Europas Top-Banken steigern Gewinne

Haben wir Ihr Interesse für CORPORATE FINANCE geweckt?

Sichern Sie sich das CORPORATE FINANCE Gratis Paket: 1 Heft + Datenbank