29.06.2026

EU-Taxonomie bleibt Pflichtprogramm

Die Taxonomie hat sich als integraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsberichterstattung von Finanzinstituten etabliert, aber bislang ohne strategischen Durchbruch.

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Die EU-Taxonomie sollte ursprünglich dafür sorgen, dass Kapital stärker in nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten fließt. Aber auch fünf Jahre nach ihrem Inkrafttreten ist die EU-Taxonomie für viele Finanzinstitute vor allem ein regulatorisches Pflichtprogramm und noch kein wirksamer Hebel für Portfoliosteuerung, Produktentwicklung oder Kapitalallokation.

Das ist das Kernergebnis einer Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland. Für die Studie „EU Taxonomy Reporting 2026“ haben PwC-Expert:innen die veröffentlichten EU-Taxonomieangaben von 94 europäischen Finanzinstituten – Banken, Vermögensverwaltern und Versicherern – für das Geschäftsjahr 2025 analysiert, von denen einige in mehreren Finanzdienstleistungssektoren tätig sind und daher auch nach mehr als einer sektorspezifischen Vorlage berichtet haben.

EU-Taxonomie wird noch zu selten strategisch genutzt

„Die Taxonomie hat sich als integraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsberichterstattung in der EU etabliert. Finanzinstitute haben professionelle Reporting-Prozesse aufgebaut, Datenflüsse verbessert und die Automatisierung vorangetrieben, aber der strategische Durchbruch blieb bislang aus“, erklärt Kristina Stiefel, Partnerin im Bereich Global Sustainability und Reporting & Assurance Lead Insurance bei PwC Deutschland.

Trotz besserer Daten und wachsender Erfahrung dienen Taxonomie-KPIs bislang vor allem der Erfüllung regulatorischer Berichtspflichten. Die Mehrheit der analysierten Finanzinstitute nutzt Taxonomiedaten noch nicht systematisch für Strategie, Steuerung, Risikomanagement oder Kapitalallokation – und hält sie dafür derzeit auch nicht ausreichend relevant. Als Gründe nennen die befragten Finanzinstitute häufige regulatorische Änderungen, die begrenzte Aussagekraft der Kennzahlen als langfristige Steuerungsindikatoren, unzureichende Datenqualität sowie die fehlende Nachfrage von Investoren, aus dem Markt, von Kund:innen und dem öffentlichen Sektor.

Höhere Werte, geringere Vergleichbarkeit

Die gute Nachricht: Die Taxonomie-Kennzahlen der europäischen Finanzinstitute haben sich im Geschäftsjahr 2025 stark erhöht. Dies bedeutet allerdings nicht automatisch mehr grüne Investments. Denn die steigenden Werte sind häufig auf neue Vorlagen und veränderte Berechnungsmethoden zurückzuführen, nicht auf eine tatsächliche Umlenkung von Kapital.

Der Grund: Für das Geschäftsjahr 2025 durften Finanzinstitute erstmals vereinfachte Berichtsanforderungen anwenden, die im Rahmen des Omnibus I-Pakets im Januar 2026 in Kraft getreten sind. Diese grenzen den Anwendungsbereich der Taxonomie ein, vereinfachen Berichtsvorlagen und verbessern die Aussagekraft der Kennzahlen. Trotz der sehr späten regulatorischen Gewissheit in Bezug auf die Anwendung der Änderungen, nutzten bereits 60 der analysierten Institute die Änderungen in der EU Taxonomie, 43 blieben bei den bisherigen Vorgabe, vier verzichteten komplett auf eine Taxonomie-Berichterstattung und nutzten die sog. temporäre Opt-out-Option, wovon nur unter bestimmten Voraussetzungen Gebrauch gemacht werden konnte. Damit entsteht ein Berichtsjahr mit zwei Logiken, was die Vergleichbarkeit stark eingeschränkt.

Gut die Hälfte der Banken setzt bereits auf die neuen Berichtsvorgaben

Besonders deutlich wird dies im Banksektor: Mehr als die Hälfte (41 von 68) der analysierten Kreditinstitute setzt auf die neuen Berichtsvorgaben. Die durchschnittliche umsatzbasierte Taxonomiefähigkeit stieg von rund 28,9 % nach alter Methodik auf durchschnittlich 62,0 % nach neuer Methodik. Auch die durchschnittliche Konformitätsquote (Green Asset Ration, GAR), sprich: der Anteil an nachhaltigem Geschäft, erhöhte sich von 2,4 % des Umsatzes nach alten Vorgaben auf 7,2 % nach neuen Vorgaben. Der Blick auf die Banken, die weiterhin nach alter Methodik berichteten, zeigt kaum Fortschritte: Der durchschnittliche GAR-Bestand stagniert.

Bei den Vermögensverwaltern lag die durchschnittliche umsatzbasierte Taxonomiefähigkeit mit 33,9 % deutlich unter der von Banken. Der Anteil grüner Investments erreichte bei den Asset- und Wealth-Managern ein ähnliches Niveau wie bei den Banken (7,3 %). Ein Vergleich mit den Vorjahreswerten ist nicht möglich, da die Mehrheit der befragten Asset Manager (7 von 9) im aktuellen Berichtszeitraum bereits die neuen Berichtsvorgaben verwendete.

Versicherungsgeschäft zeigt methodisch getriebene Steigerungen

Im Versicherungssektor werden die Kapitalanlagen und das Versicherungsgeschäft getrennt betrachtet: Bei den Kapitalanlagen stieg die durchschnittliche umsatzbasierte Taxonomiefähigkeit nach neuer Methodik von rund 17,8 auf 38,2 %. Bei den 14 von insgesamt 28 analysierten Versicherern, die auf die alten Vorgaben setzten, nahmen sowohl die durchschnittliche Taxonomiefähigkeit als auch die -konformität dagegen nur leicht zu. Die Konformität lag nach alter Methodik bei rund 3,1 % des Umsatzes und damit nur minimal über dem Vorjahreswert (2,5 %).

Im Underwriting-Geschäft sank die durchschnittliche Taxonomiefähigkeit der Unternehmen, die die alten Vorgaben verwendeten, sogar leicht: von 16,5 auf 15,3 % des Umsatzes. Im Gegensatz dazu verzeichneten Versicherungsunternehmen, die die neuen Vorgaben verwendeten, geringe Anstiege – und zwar sowohl bei der Taxonomiefähigkeit als auch bei der Taxonomiekonformität: Erstere stieg im Geschäftsjahr 2025 von 17,3 auf 18,6 %, letztere nur minimal von 0,8 auf 0,9 %.

„Solange Kennzahlen jedes Jahr neu eingeordnet werden müssen und kaum Marktanreize bestehen, bleibt der Nutzen der Taxonomie für strategische Entscheidungen begrenzt“, sagt Angela McClellan, Director im Bereich Sustainability für Financial Services bei PwC Deutschland.

Fazit: Die Infrastruktur steht, die Wirkung fehlt

„Unsere Studie zeigt, dass die EU-Taxonomie ein gemeinsames Klassifikationssystem etabliert und Finanzinstitute dazu bewegt hat, Nachhaltigkeitsdaten systematischer zu erfassen. Doch ihren eigentlichen Zweck – Kapital gezielt in nachhaltige Investitionen zu lenken – hat sie bislang kaum erfüllt“, resümiert Kristina Stiefel, Partnerin im Bereich Global Sustainability und Reporting & Assurance Lead Insurance bei PwC Deutschland.

Laut PwC-Expertin Angela McClellan ergeben sich für Finanzinstitute daraus klare Prioritäten: „Sie sollten Taxonomiedaten konsequenter für grüne Produkte nutzbar machen und sich aktiv in die Weiterentwicklung des Regulierungsrahmens einbringen. Ich bin zuversichtlich, dass die Taxonomie dann den Sprung vom Reporting-Instrument zum strategischen Steuerungs-Tool schaffen kann.“

(PwC vom 29.06.2026 / RES JURA Redaktionsbüro – vcd)


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