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25.11.2016

Europäischen Banken drohen nach „Basel IV“ hohe Kapitallücken

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Corporate Finance

Die seit letztem Jahr umfassend diskutierten „Basel IV“-Reformen in Bezug auf die Ermittlung risikogewichteter Aktiva (RWA) des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht gehen in die letzte Runde: Am 28. und 29. November 2016 sollen die Neuregelungen vom Ausschuss weiter diskutiert werden. In ihrer bisherigen Version führen die „Basel IV“-Vorschläge zu einem erheblichen Anstieg der Risikoaktiva für europäische Banken. Laut einer Analyse von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, beliefe sich der Zuwachs der RWA für 103 untersuchte europäische Banken unter Anwendung der aktuellen Reformpläne auf 40 bis 65 Prozent für die bedeutsamsten regulatorischen Risikotypen wie Kreditrisiko, Marktrisiko, operationelles Risiko, Kontrahenten-Kreditrisiko und Credit-Value-Adjustment-Risiko.

Der RWA-Anstieg unter den aktuellen „Basel IV“-Vorschlägen würde zu erheblichen Kapitallücken führen – obwohl europäische Banken derzeit deutlich mehr Kapital vorhalten als regulatorisch gesehen notwendig. Ihre Ertragskraft würde nach Analyse von Strategy& nicht ausreichen, um bis zur zuletzt vorgesehenen Anwendung von „Basel IV“ ab voraussichtlich 2019 zusätzliches Kapital im erforderlichen Ausmaß aufzubauen. Eine Abschwächung der Vorschläge zur Vermeidung volkswirtschaftlicher Risiken gilt daher als wahrscheinlich. „Auf Basis der anhaltenden, intensiven Diskussionen zwischen wesentlichen Stakeholdern ergäbe sich ein abgeschwächter Gesamteffekt von ca. +15 bis maximal +30 Prozent auf die unter „Basel III“ erforderliche Kapitalbasis europäischer Banken. Vor dem Hintergrund derzeitiger Aussagen von Politik, Notenbanken und Aufsicht erscheint es jedoch realistisch, dass die finalen Reformen einen Gesamteffekt von ca. +10 bis maximal +20 Prozent ergeben werden“, erläutert Dr. Philipp Wackerbeck, Leiter der Financial Services Practice bei Strategy&.

Europäischen Banken drohen Kapitallücken von über 300 Mrd. €

Bei einer nach aktuellem Diskussionsstand abgeschwächten „Basel IV“-Reform ist nach der Analyse von Strategy& davon auszugehen, dass europäische Banken einen zusätzlichen Kapitalbedarf von über 300 Milliarden Euro haben werden. Nach Einschätzung von Martin Neisen, Partner und Leiter der globalen Basel IV-Initiative bei PwC, wären sie im internationalen Vergleich besonders stark betroffen. „Europäische Banken weisen unter anderem aufgrund der intensiven Anwendung interner Risikomodelle in ihren Bilanzen bislang etwa nur die Hälfte des durchschnittlichen Risikogewichts wie ihre amerikanischen Wettbewerber auf. Die Konsequenzen von „Basel IV“ werden in Europa deshalb besonders schmerzhaft sein. Zudem werden Großbanken wegen ihrer breiten Anwendung interner Modelle stark betroffen sein“, kommentiert Neisen weiter.

Geschäftsbanken und Landesbanken in Deutschland bekommen die Auswirkungen unter anderem aufgrund ihrer hohen Kreditvolumina an Firmenkunden besonders zu spüren. Dasselbe gilt für die Spezialfinanzierung einschließlich der gewerblichen Immobilienfinanzierung. Der zusätzliche Kapitalbedarf der deutschen Banken beläuft sich nach der Strategy&-Analyse des aktuellen Diskussionsstandes einer abgeschwächten „Basel IV“-Reform auf bis zu 30 Milliarden Euro.

Profitabilität würde weiter unter Druck geraten

Die bereits vergleichsweise schwache Profitabilität der europäischen und insbesondere der deutschen Banken würde dadurch weiter unter Druck geraten. Die Analysen von Strategy& deuten darauf hin, dass die vorgesehenen Reformen zu erneuten empfindlichen Einbußen bei der Eigenkapitalrendite führen werden. Diese liegt aktuell ohnehin bei den wenigsten Instituten oberhalb der Eigenkapitalkosten. „Angesichts dieser Abwärtsspirale ist in der momentanen Situation auch die Kapitalbereitstellung durch Investoren wenig wahrscheinlich. Weitere Kostensenkungen sind notwendig, werden aber allein nicht ausreichen. Da die Top Line aktueller Geschäftsmodelle auch wegen des anhaltenden Niedrigzinsumfelds bestenfalls stagniert und Kapitalanforderungen de facto anziehen, müssen Banken eine weitere strukturelle Kostenreduktion erreichen. Vor diesem Hintergrund ist die Erwirtschaftung des zusätzlichen Kapitalerfordernisses aus eigener Kraft für viele Banken realistisch gesehen nicht mehr möglich. Besonders in Deutschland wird der Druck zu weiterer Konsolidierung steigen“, so Wackerbeck. Als Reaktion müssten europäische Geldhäuser verstärkt Risikoaktiva abbauen, was sowohl für die Volkswirtschaft als auch für die Finanzstabilität negative Konsequenzen nach sich ziehen könnte. „Zum einen ist zu befürchten, dass die Kreditversorgung der Wirtschaft leidet. Vor allem Mittelstandskredite ohne externes Rating und gewerbliche Immobilienfinanzierungen sind derzeit besonders stark betroffen. Zum anderen könnten die Banken Kreditrisiken direkt oder indirekt über den Kapitalmarkt vermehrt an Versicherungen oder Pensionskassen auslagern. Ob ein derartiger Risikotransfer analog dem amerikanischen Modell finanzstabilitätspolitisch sinnvoll und wünschenswert ist, ist eine Frage für sich“, ergänzt Philipp Wackerbeck.

Geschäftsmodelle müssen angepasst werden

Da die „Basel IV“-Reformen voraussichtlich ab 2019 in Kraft treten werden, besteht für die europäischen Banken großer Handlungsdruck, die eigenen Geschäftsmodelle auf ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit unter den Bedingungen der Neuregulierungen und hinreichende Profitabilität zu prüfen. Die Mehrheit der konventionellen Banken wird mit ihrem bilanzintensiven Geschäft in Zukunft nicht mehr nachhaltig wirtschaften können. „Mit Blick auf den kurzen Umsetzungszeitraum der Reformen und der Tragweite von „Basel IV“ muss das Thema an die Spitze der strategischen Agenda. Die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Produkte war für Banken nie drängender als jetzt“, merkt Wackerbeck weiter an. Vor allem die Entwicklung hin zu Geschäftsmodellen, die hinsichtlich ihrer Einnahmen weniger stark von der eigenen Bilanz abhängig sind, sollte in Erwägung gezogen werden. In der Praxis ist dies aber mit zahlreichen Herausforderungen verbunden.

Als Grundlage für die strategische Überprüfung des Geschäftsmodells muss zunächst die Kapitalplanung auf die Auswirkungen von „Basel IV“ auf RWA der Bank sowie auf die Kapitalquoten abgestimmt werden, um rechtzeitig auf entstehende Kapitallücken reagieren zu können. Das aktive Management des Kreditportfolios bedarf ebenfalls eines strategischen Blicks in die Zukunft, nachdem sich die Risikobewertung einzelner Kreditarten mit „Basel IV“ ändern wird. Daneben müssen die Banken ihre Produkt- und Preisstruktur an die neuen regulatorischen Vorgaben zur Risikokalkulation bei RWA anpassen und betriebliche Abläufe zur Prüfung interner Risikomodelle entsprechend adaptieren, um sich rechtzeitig auf die Umbrüche von „Basel IV“ einzustellen.

(Pressemitteilung Strategy& vom 24.11.2016)


Redaktion

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