28.07.2016

Europas Topkonzerne in der Krise

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Die Profitabilität der 500 größten börsennotierten Konzerne sinkt weiter - und die Aussichten bleiben düster, wie eine große Handelsblatt-Analyse zeigt. Die US-Konkurrenz ist deutlich erfolgreicher.

Die Profitabilität der 500 größten börsennotierten Konzerne sinkt weiter – und die Aussichten bleiben düster, wie eine große Handelsblatt-Analyse zeigt. Die US-Konkurrenz ist deutlich erfolgreicher.

Die Wirtschaft im Euro-Raum hat einen fulminanten Start ins Jahr 2016 hingelegt“, frohlockte Commerzbank-Volkswirt Christoph Weil im Frühjahr. Der Optimismus schien berechtigt, zumal das Bruttoinlandsprodukt in Europa schneller wuchs als in den USA. Unternehmen wie Adidas und Siemens bestätigten den Trend, sie hoben ihre Gewinnprognosen an. „Wir haben ein starkes Quartal geliefert“, resümierte der Vorstandschef des Münchener Elektronikkonzerns und Anlagenbauers, Joe Kaeser, im Spätwinter.

Seinen warnenden Zusatz, dass die „makroökonomischen und geopolitischen Entwicklungen unsere Märkte weiterhin belasten“, ging in der Euphorie irgendwie unter. Stattdessen erhöhten die notorisch optimistischen Analysten ihre Gewinnschätzungen auf breiter Front. Ein Ende der vier Jahre währenden Gewinnrezession schien nahe: in Deutschland und in Europa.

Davon ist zur Jahreshalbzeit nichts geblieben. Die Euphorie für Europas Wirtschaft entpuppte sich als Strohfeuer und war eigentlich nur dem milden Winter und einer günstigen Verteilung zwischen Werktagen und Feiertagen geschuldet. Die schwach wachsende Weltwirtschaft, das Ende des Booms in den Schwellenländern einschließlich Chinas und vor allem das Brexit-Votum der Briten setzen den allermeisten Firmen zu. Schlimmer noch: Europas Unternehmen präsentieren sich nach Handelsblatt-Berechnungen in einer schlechteren Verfassung als inmitten der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2009.

Und die Aussichten trüben sich weiter ein. Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in Deutschland, prognostiziert: „Wir müssen uns auf eine Durststrecke einstellen mit niedrigerem Umsatz- und Gewinnwachstum.“ Wenn es denn dazu überhaupt noch kommt. 5 000 vom Analyseunternehmen Markit befragte europäische Unternehmen schätzten ihre Geschäftslage jüngst so schlecht ein wie zuletzt im Januar 2015. Nach Ansicht des Markit-Chefvolkswirts Chris Williamson gibt es „keinerlei Anzeichen für einen Aufwärtstrend“.

Tatsache ist: Die Auswertung der Konzernbilanzen für das erste Quartal und die Prognosen für die jetzt bevorstehenden Halbjahresberichte der europäischen Konzerne lassen nichts Gutes erwarten. In den ersten sechs Monaten dürften die Nettogewinne der 500 größten europäischen Unternehmen voraussichtlich um weitere 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen sein. Ob der französische Medienriese Vivendi, der schweizerische Pharmahersteller Novartis oder der britische Ölriese BP: Sie alle werden ihren Aktionären Gewinneinbrüche von 30 und mehr Prozent im Vergleich zum Vorjahr präsentieren. Ohne das vermutlich siebenprozentige Plus der deutschen Dax- und MDax-Konzerne mit zuverlässigen Gewinnmaschinen wie dem Markenartikler Henkel, dem Autozulieferer Continental und dem Gesundheitskonzern Fresenius sähe die Bilanz noch düsterer aus.

Die ernüchternden Fakten

Das vierte Jahr in Folge präsentierten sich Europas Unternehmen schlechter als im Vorjahr, wie Handelsblatt-Berechnungen belegen. Demnach verdienten die nach Umsatz 500 größten börsennotierten Unternehmen im abgelaufenen Geschäftsjahr 2015 nach allen Kosten, also netto, 312 Milliarden Euro. Das waren 17,4 Prozent weniger als ein Jahr davor. Gegenüber 2011 summiert sich das Minus auf knapp 40 Prozent.

Die Schwächen ziehen sich durch alle Branchen. Im Bau fuhr der schweizerische Großkonzern Lafarge nach Abschreibungen in Schwellenländern wie Syrien und dem Irak einen Nettoverlust von 1,4 Milliarden Euro ein, der britische Mobilfunkriese Vodafone bilanzierte aufgrund hoher Finanzierungskosten und Abschreibungen ein Minus von 5,2 Milliarden Euro, und der deutsche Stromversorger Eon präsentierte seinen Aktionären nach massiven Wertberichtigungen auf Kohle- und Gaskraftwerke und angesichts des Strompreisverfalls einen Nettoverlust von sieben Milliarden Euro. Wenig tröstlich: Wettbewerbern wie dem französischen Strom- und Gasproduzenten Engie (bis 2015 GDF Suez) erging es mit einem Nettoverlust von 4,6 Milliarden Euro kaum besser.

Europas Problem: Trotz fallender Gewinne produzieren die Firmen immer mehr und erhöhen ihre Umsätze. So zum Beispiel Italiens Autobauer Fiat Chrysler, der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der französische Handelskonzern Carrefour und die Deutsche Post. Gegenüber dem Rekordjahr 2007, als die Konzerne im Schnitt noch gut 70 Prozent mehr als im abgelaufenen Jahr verdient hatten, stiegen die Umsätze der Top 500 noch einmal um ein Viertel auf nun 7,9 Billionen Euro.

Dieses Missverhältnis aus steigenden Umsätzen und sinkenden Gewinnen hat dramatische Folgen, denn die wichtige Umsatzrendite brach regelrecht ein. Mit jedem Euro Umsatz verdienten Europas Unternehmen im Schnitt nur noch 3,9 Cent. Das ist noch weniger als in der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2009. Damals blieben immerhin 4,9 Cent Reingewinn übrig.

Der Vergleich mit den US-Wettbewerbern unterstreicht Europas Schwäche. Mit umgerechnet 560 Milliarden Euro verdienten die 500 größten amerikanischen Konzerne 2015 fast doppelt so viel wie die Europäer – und das mit nur wenig mehr Umsatz. Also viel mehr Klasse als Masse: US-Konzerne wirtschaften im Schnitt mit einer Nettoumsatzrendite von sechs Prozent um mehr als die Hälfte profitabler.

Amerikas Top drei nach Umsatz, das sind der Handelskonzern Walmart, der Ölriese Exxon und der iPhone-Hersteller Apple, erzielten im vergangenen Jahr mit umgerechnet 74,5 Milliarden Euro mehr Gewinn als alle 30 Dax-Konzerne zusammen. Und das trotz eines 40-prozentigen Gewinneinbruchs von Exxon infolge des ebenso stark gefallenen Ölpreises.

Fast alle Länder betroffen

Europas Schwächen ziehen sich durch fast alle Länder. In der Schweiz sanken im abgelaufenen Geschäftsjahr die Gewinne um durchschnittlich elf Prozent, wobei Nestlé minus 31 Prozent verbuchte, ABB minus 14 Prozent. Französische Konzerne büßten durchschnittlich 13 Prozent ein, der Einzelhändler Carrefour zum Beispiel 22 Prozent und der Versorger EDF sogar 68 Prozent. Spanische Firmen verloren durchschnittlich 18 Prozent und die 89 britischen Firmen unter den Top 500 mit BP, Vodafone, Sainsbury & Co. sogar 31 Prozent. Italiens Konzerne um Fiat Chrysler, Eni und Enel rutschten in der Summe sogar ins Minus. Die 62 deutschen Unternehmen unter den Top 500 verdienten zusammen 52,8 Milliarden Euro, 16,5 Prozent weniger als 2014. Auch hier offenbart sich der für Europa typische Trend von mehr Masse statt Klasse: Die Umsätze stiegen um 6,4 Prozent. Dadurch brach die Netto-Profitabilität von durchschnittlich 4,2 auf 3,3 Prozent ein.

Ausgerechnet die russischen Konzerne um Gazprom & Co. hellen Europas Bilanz etwas auf. Aber nur scheinbar. Sie verdienten zwölf Prozent mehr als im Vorjahr – trotz westlicher Sanktionen infolge des Ukraine-Konflikts und des Verfalls der Rohstoffpreise, worunter die vielen Öl- und Gaskonzerne des Landes litten. Doch für die wundersame Gewinnvermehrung sorgte ein Sondereffekt: Weil der Rubel 2015 fast die Hälfte seines Werts gegenüber 2014 verlor, erhöhte sich der Gewinn bei Umrechnung in die heimische Währung enorm. Surgutneftegaz beispielsweise verdankte über die Hälfte seines Gewinns von 11,3 Milliarden Euro allein diesem Währungseffekt. Für die Zukunft gilt: In dem Maße, wie die Unternehmen 2015 vom Rubel-Crash profitierten, brechen die Erträge ein, sobald die Währung wieder an Stabilität gewinnt und aufwertet.

Der Euro peppte die Gewinne auf

Der schwache Euro hat 2015 die schwachen Bilanzen der europäischen Unternehmen sogar noch geschönt. Denn ihr Gewinnrückgang von durchschnittlich 17,4 Prozent wäre noch stärker ausgefallen, hätte der Euro im vergangenen Jahr nicht um gut 15 Prozent gegenüber dem Dollar verloren. Dadurch erhöhten sich für alle exportstarken Unternehmen, wozu mehr als 80Prozent der Top 500 in Europa zählen, ihre im Ausland erzielten Einnahmen, sobald sie ihre im Dollar-Raum erzielten Erträge in Euro bilanzierten.

Wie sehr die Firmen von so einem Effekt profitieren, hat die Commerzbank errechnet. Unter der Annahme, dass der Dollar gegenüber dem Euro zehn Prozent an Wert gewinnt, erlösen allein die Dax-Konzerne zwölf Milliarden Euro zusätzlich an Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Das entspricht einem Sondergewinn von rund acht Prozent. Übertragen auf Europa und berücksichtigt man, dass hier die Unternehmen im Vergleich mit Deutschland weniger Umsatz im Dollar-Raum erzielen, ergibt sich ein Sondergewinn von mindestens fünf Prozent.

Das Problem in diesem Jahr: Der schwache Euro fällt als Umsatz- und Gewinnturbo aus. Denn wenn sich jetzt die Unternehmen mit dem Vorjahr vergleichen, entstehen keine Wechselkursgewinne mehr. Dafür aber dämpfen eine schwächelnde Weltkonjunktur, die ungelöste Staatsschuldenkrise in vielen Südländern und die Folgen des Brexit-Votums die Stimmung und Geschäfte. „Die Entscheidung der Briten gegen einen Verbleib in der Europäischen Union ist ein Dämpfer für die wirtschaftlichen Aussichten in Deutschland und ganz Europa“, urteilte Clemens Fuest, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo. Der Internationale Währungsfonds (IWF) senkte nach dem Brexit-Votum seine Wachstumsprognose für die Euro-Zone für 2017 von 1,6 auf 1,4 Prozent. Das Risiko, dass die Abschwächung noch stärker ausfalle, bezeichnete der IWF als „hoch“.

Der Unsicherheitsschock, verbunden mit Handelseinschränkungen, trifft vor allem deutsche Firmen. Sie erwirtschaften knapp 70 Prozent ihrer Umsätze im Ausland und sind damit mehr als ihre europäischen Wettbewerber vom freien Welthandel abhängig. „Neue Grenzen, Protektionismus, Abschottung und Nationalismus bergen für Deutschland und seine Topkonzerne so hohe Risiken wie für kaum ein anderes Land“, warnt EY-Deutschland-Geschäftsführer Barth.

Für die deutsche Wirtschaft steht viel auf dem Spiel, denn mit einer Exportquote von 7,5 Prozent zählt Großbritannien zu den wichtigsten Absatzmärkten. Für die Automobilindustrie war der britische Markt im ersten Quartal sogar das wichtigste Absatzland. Sollte sich nun also die britische Wirtschaft nach dem Brexit-Votum abschwächen, dann leiden die deutsche Industrie und allen voran die wichtige Autoindustrie mit.

Insgesamt erzielen die 30 Dax-Konzerne nach Handelsblatt-Berechnungen knapp neun Prozent ihrer Umsätze in Großbritannien. Das ist fast so viel, wie die Unternehmen in China umsetzen. „Die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland wird unter dem Druck einer sinkenden Nachfrage aus Großbritannien spürbar leiden“, warnt DZ-Bank-Chefökonom Stefan Bielmeier.

Und mit ihr die deutschen Unternehmen: Für 22 der 30 Dax-Unternehmen haben die Fachanalysten zuletzt ihre Gewinnprognosen gesenkt. Auf europäischer Ebene sieht es noch schlechter aus. Für 40 der 50 größten Unternehmen kappten Analysten ihre Ertragsprognosen. „Wir befinden uns in einem Umfeld mit ziemlich schwachem Wachstum“, warnt Commerzbank-Volkswirt Peter Dixon, „und die Unternehmen stellen fest, dass sie nicht in der Lage sind, das Gewinnwachstum zu liefern, das sie angedacht hatten.“

Werden die Börsen ihrem Ruf als Frühindikator für die Entwicklung der Wirtschaft gerecht, sieht es gar nicht gut aus. Europas größte börsennotierte Unternehmen, deren Aktien im Euro Stoxx 600 notieren, haben in den vergangenen zwölf Monaten gut 15 Prozent an Wert verloren.

Weitere Informationen finden Sie hier.

(Quelle: Handelsblatt vom 26.07.2016)


Redaktion

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