Der Finanzsektor steht vor einem tiefgreifenden Umbruch: Künstliche Intelligenz, veränderte regulatorische Rahmenbedingungen und neue Akteure wie Private-Equity-Investoren verschieben etablierte Spielregeln. Im Interview ordnet Matthias Töke von Baker McKenzie ein, warum Finanzinstitute jetzt grundlegende Weichenstellungen vornehmen müssen und welche Entscheidungen über ihre Zukunftsfähigkeit entscheiden werden.
CF: Herr Töke, viele sprechen von einem Wendepunkt für Finanzinstitute. Worin unterscheidet sich der aktuelle digitale und regulatorische Umbruch fundamental von früheren Transformationsphasen?
Töke: Der Unterschied zu früheren Transformationsphasen liegt vor allem darin, dass mehrere strukturelle Veränderungen gleichzeitig wirken und sich gegenseitig verstärken. In früheren Zyklen ging es meist um einzelne Entwicklungen – etwa Digitalisierung von Vertriebskanälen, Effizienzprogramme oder punktuelle regulatorische Anpassungen nach der Finanzkrise. Heute erleben Finanzinstitute eine Phase, in der technologische Innovation, regulatorische Verdichtung und Veränderungen in den Kapital- und Wettbewerbsstrukturen parallel stattfinden. Das verändert nicht nur Prozesse, sondern die grundlegende Steuerungslogik vieler Institute.
Technologisch verschiebt insbesondere der Einsatz datenbasierter Systeme und künstlicher Intelligenz die Möglichkeiten der Automatisierung, Analyse und Entscheidungsunterstützung. Anders als bei früheren IT-Transformationsprojekten betrifft das nicht nur operative Abläufe, sondern zentrale Funktionen wie Kreditentscheidung, Risikomodellierung, Compliance oder Kundeninteraktion. Gleichzeitig steigen die regulatorischen Anforderungen an Governance, Modellkontrolle, IT-Resilienz und Datennutzung erheblich. Regulierung adressiert heute zunehmend nicht nur Kapital und Liquidität, sondern auch operative Widerstandsfähigkeit, technologische Infrastruktur und Nachhaltigkeitsrisiken. Damit wird Regulierung stärker zu einer Frage der strategischen Steuerungsfähigkeit eines Instituts.
Hinzu kommt ein dritter Faktor, der häufig unterschätzt wird: der strukturelle Wandel der Wettbewerbslandschaft. Neben klassischen Banken treten zunehmend technologiegetriebene Anbieter, spezialisierte Plattformen und kapitalstarke Investoren – etwa Private-Equity-Häuser – als Akteure im Finanzsektor auf. Dadurch verschiebt sich der Wettbewerb von der reinen Bilanzstärke hin zu Skalierbarkeit, Datenkompetenz und Kapitaldisziplin.
Aus anwaltlicher und transaktionspraktischer Perspektive zeigt sich dieser Wandel sehr konkret. In Finanzierungs- und M&A-Projekten spielen heute Themen wie Datenarchitektur, IT-Resilienz, regulatorische Governance oder Nachhaltigkeitsanforderungen eine wesentlich größere Rolle als noch vor wenigen Jahren. Sie beeinflussen nicht nur die Bewertung von Instituten, sondern zunehmend auch Struktur, Dokumentation und Risikoverteilung von Transaktionen.
Der eigentliche Wendepunkt besteht deshalb weniger darin, dass einzelne Themen neu sind. Neu ist vielmehr, dass Technologie, Regulierung und Wettbewerb gleichzeitig an den Geschäftsmodellen der Institute ansetzen. Institute, die diese Faktoren integriert steuern können, werden sich in diesem Umfeld deutlich besser positionieren als solche, die sie nur isoliert betrachten.
CF: Welche Kräfte wirken derzeit gleichzeitig auf Banken und andere Finanzinstitute ein und welche davon unterschätzen viele Marktteilnehmer noch?
Töke: Auf Finanzinstitute wirken derzeit mehrere strukturelle Kräfte gleichzeitig ein, die sich gegenseitig verstärken und das Umfeld grundlegend verändern. Drei Entwicklungen sind dabei besonders prägend: technologischer Fortschritt, regulatorische Weiterentwicklung und zunehmender Wettbewerbsdruck durch neue Kapitalquellen und Marktakteure.
Erstens verändert der technologische Fortschritt die Wertschöpfungsketten im Finanzsektor. Datenanalyse, Automatisierung und zunehmend auch künstliche Intelligenz ermöglichen eine effizientere Verarbeitung von Informationen, eine präzisere Risikobewertung und neue Formen der Kundeninteraktion. Gleichzeitig führt diese Entwicklung dazu, dass technologische Fähigkeiten zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor werden. Institute müssen heute nicht nur Finanzprodukte anbieten, sondern auch in der Lage sein, große Datenmengen strukturiert zu nutzen und ihre IT-Infrastruktur resilient und skalierbar zu organisieren.
Zweitens nimmt der regulatorische Druck weiter zu, allerdings mit einer veränderten Stoßrichtung. Nach der Finanzkrise lag der Schwerpunkt vor allem auf Kapital, Liquidität und Bilanzstabilität. Heute adressiert Regulierung verstärkt operative Risiken, digitale Resilienz, Nachhaltigkeitsanforderungen und Governance-Fragen. Themen wie IT-Resilienz, Auslagerungssteuerung, Modellrisiken oder Nachhaltigkeitsberichterstattung greifen unmittelbar in organisatorische Strukturen und interne Entscheidungsprozesse ein. Für viele Institute bedeutet das, dass Regulierung nicht mehr nur eine Compliance-Funktion ist, sondern ein integraler Bestandteil strategischer Steuerung wird.
Drittens verändert sich die Wettbewerbslandschaft. Neben klassischen Banken treten spezialisierte Kreditfonds, FinTechs und technologiegetriebene Plattformen zunehmend als Anbieter von Finanzierungs- und Zahlungsdienstleistungen auf. Gleichzeitig investieren Private-Equity-Investoren verstärkt in Finanzdienstleister oder in infrastrukturelle Teile der Wertschöpfungskette. Dadurch entsteht ein Wettbewerb, der stärker durch Kapitalzugang, Skalierung und operative Effizienz geprägt ist als durch traditionelle Bankstrukturen.
Unterschätzt wird aus meiner Sicht vor allem die Wechselwirkung dieser Entwicklungen. Viele Marktteilnehmer betrachten Technologie, Regulierung oder neue Wettbewerber noch als separate Themen. In der Praxis greifen sie jedoch ineinander. Neue Technologien verändern regulatorische Anforderungen, Regulierung beeinflusst Geschäftsmodelle, und neue Kapitalquellen erhöhen den Wettbewerbsdruck auf etablierte Institute. Die entscheidende Herausforderung besteht daher nicht darin, auf einzelne Trends zu reagieren, sondern diese Entwicklungen strategisch zusammenzuführen und in die Steuerungsstrukturen eines Instituts zu integrieren.
CF: Warum steht die Einführung von KI aus Ihrer Sicht gerade jetzt an einem entscheidenden Wendepunkt?
Töke: Der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Finanzsektor befindet sich derzeit an einem Punkt, an dem sich entscheidet, ob aus zahlreichen Pilotprojekten tatsächlich skalierbare Anwendungen entstehen. In den vergangenen Jahren haben viele Institute mit KI experimentiert, häufig jedoch in isolierten Projekten ohne unmittelbare Integration in zentrale Geschäftsprozesse. Der Wendepunkt entsteht jetzt, weil sich technologische Reife, wirtschaftlicher Druck und regulatorische Rahmenbedingungen gleichzeitig verändern.
Technologisch haben sich insbesondere generative und datenbasierte KI-Systeme so weit entwickelt, dass sie nicht mehr nur analytische Unterstützung liefern, sondern komplexe Informationsverarbeitung, Dokumentenanalyse und Entscheidungsunterstützung in großem Maßstab ermöglichen. Für Finanzinstitute ist das besonders relevant in Bereichen wie Kreditprüfung, Betrugsprävention, Compliance, regulatorischer Analyse oder Kundenservice. Gleichzeitig steigt der wirtschaftliche Druck, diese Potenziale tatsächlich zu nutzen, weil Effizienzgewinne und schnellere Entscheidungsprozesse zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor werden.
Der entscheidende Unterschied zu früheren Innovationsphasen liegt jedoch darin, dass sich parallel ein klarer regulatorischer Rahmen herausbildet. Themen wie Modellrisiko, Datenqualität, Transparenz von Entscheidungsprozessen und Governance von KI-Systemen rücken stärker in den Fokus von Aufsichtsbehörden. Damit verschiebt sich die Herausforderung für Institute von der reinen technologischen Machbarkeit hin zur Frage, wie KI verantwortungsvoll, kontrollierbar und regulatorisch belastbar in bestehende Strukturen integriert werden kann.
Aus anwaltlicher Sicht zeigt sich dieser Wendepunkt vor allem in der praktischen Umsetzung. Finanzinstitute beschäftigen sich zunehmend mit Fragen der Haftung, der Dokumentation von Modellentscheidungen, der Datenherkunft und der internen Verantwortungsstrukturen für KI-Systeme. KI wird damit nicht mehr nur als technologische Innovation betrachtet, sondern als Teil der Governance- und Risikosteuerung eines Instituts.
Der entscheidende Wendepunkt besteht deshalb darin, dass KI den Schritt von der experimentellen Technologie zu einer strategischen Infrastruktur des Finanzsektors macht. Institute, die in der Lage sind, technologische Möglichkeiten mit belastbarer Governance und regulatorischer Compliance zu verbinden, werden diese Entwicklung erfolgreich nutzen können.
CF: Welche konkreten Anwendungen von KI sehen Sie im Finanzsektor bereits heute und wo erwarten Sie in den nächsten Jahren die größten Veränderungen?
Töke: Künstliche Intelligenz wird im Finanzsektor bereits heute in einer Reihe von klar umrissenen Anwendungsfeldern eingesetzt. Besonders verbreitet ist der Einsatz in der Datenanalyse, etwa bei der Betrugsprävention, im Risikomanagement oder bei der Analyse großer Transaktionsdatenbestände. Auch im Kundenbereich werden KI-gestützte Systeme zunehmend eingesetzt, beispielsweise zur Automatisierung von Serviceanfragen, zur personalisierten Produktansprache oder zur Unterstützung von Vertriebsprozessen. In diesen Bereichen geht es vor allem darum, große Datenmengen schneller auszuwerten und operative Prozesse effizienter zu gestalten.
Ein zweites wichtiges Feld ist der Einsatz von KI in internen Prozessen, insbesondere bei der Verarbeitung und Analyse umfangreicher Dokumentationen. Finanzinstitute arbeiten in vielen Bereichen mit großen Mengen an Verträgen, regulatorischen Texten und internen Richtlinien. KI-Systeme können hier unterstützen, indem sie Dokumente strukturieren, Inhalte analysieren oder relevante Informationen schneller identifizieren. Gerade in Compliance-, Legal- und Reporting-Funktionen entstehen dadurch erhebliche Effizienzpotenziale.
Die größten Veränderungen erwarte ich allerdings dort, wo KI in zentrale Entscheidungsprozesse integriert wird. Dazu gehören etwa Kreditentscheidungen, Risikomodellierung oder Portfolioanalysen. Hier kann KI helfen, komplexe Datenstrukturen besser auszuwerten und Entscheidungen stärker datenbasiert zu treffen. Gleichzeitig sind dies genau die Bereiche, in denen Governance- und Transparenzanforderungen besonders hoch sind, weil Entscheidungen unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen haben.
In der Praxis zeigt sich deshalb bereits heute ein klarer Entwicklungspfad: Zunächst werden KI-Anwendungen in unterstützenden Funktionen eingesetzt, etwa bei Datenanalyse, Dokumentenverarbeitung oder Kundeninteraktion. In einem zweiten Schritt werden sie stärker in Kernprozesse integriert, sofern Institute die notwendigen Governance-, Kontroll- und Dokumentationsstrukturen aufgebaut haben.
Langfristig dürfte die größte Veränderung weniger in einzelnen Anwendungen liegen als in der Art und Weise, wie Entscheidungen vorbereitet werden. KI wird viele Analyse- und Auswertungsprozesse beschleunigen und damit Entscheidungszyklen verkürzen. Für Finanzinstitute wird es deshalb zunehmend entscheidend sein, technologische Möglichkeiten mit klaren Verantwortungsstrukturen und regulatorischer Kontrolle zu verbinden.
CF: Wie stark begrenzt die Regulierung derzeit die Innovationsfähigkeit der Institute oder ist sie vielleicht sogar ein notwendiger Rahmen für Vertrauen und Stabilität?
Töke: Regulierung wird im öffentlichen Diskurs häufig als Innovationshemmnis dargestellt. In der Praxis ist die Situation differenzierter. Gerade im Finanzsektor ist ein verlässlicher regulatorischer Rahmen eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen, Stabilität und funktionierende Märkte. Ohne klare Regeln zu Kapitalausstattung, Risikosteuerung oder Governance wäre das Vertrauen von Investoren, Einlegern und Marktteilnehmern erheblich schwächer. In diesem Sinne schafft Regulierung zunächst einmal die Grundlage dafür, dass Innovation überhaupt in einem stabilen Umfeld stattfinden kann.
Gleichzeitig lässt sich nicht übersehen, dass die regulatorische Komplexität in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen hat. Neben klassischen bankaufsichtlichen Themen sind inzwischen auch Anforderungen zur digitalen Resilienz, zur Steuerung von Auslagerungen, zur Nutzung von Daten und zu Nachhaltigkeitsrisiken hinzugekommen. Für viele Institute entsteht dadurch ein erheblicher organisatorischer und finanzieller Aufwand. Innovation wird dadurch nicht unbedingt verhindert, aber sie wird langsamer und ressourcenintensiver, weil neue Technologien oder Geschäftsmodelle frühzeitig mit regulatorischen Anforderungen in Einklang gebracht werden müssen.
In der Praxis zeigt sich deshalb, dass Innovation im Finanzsektor weniger durch das Vorhandensein von Regulierung begrenzt wird als durch ihre Komplexität und Fragmentierung. Institute müssen eine Vielzahl unterschiedlicher Regelwerke gleichzeitig berücksichtigen, die teilweise aus unterschiedlichen politischen Zielsetzungen entstanden sind. Das führt dazu, dass strategische Entscheidungen häufig stark von regulatorischen Rahmenbedingungen geprägt werden.
Aus anwaltlicher Sicht liegt die eigentliche Herausforderung daher nicht in der Frage „mehr oder weniger Regulierung“, sondern in der Qualität der Regulierung. Entscheidend ist, dass regulatorische Anforderungen klar, konsistent und praxistauglich ausgestaltet sind. Wenn Regulierung technologieneutral formuliert wird und ausreichend Raum für neue Lösungen lässt, kann sie Innovation sogar fördern, weil sie Vertrauen schafft und klare Spielregeln für alle Marktteilnehmer setzt.
Für Finanzinstitute bedeutet das letztlich, dass Innovation und Regulierung nicht als Gegensätze verstanden werden sollten. Erfolgreiche Institute werden diejenigen sein, die neue Technologien oder Geschäftsmodelle so implementieren, dass sie von Anfang an regulatorisch belastbar und organisatorisch kontrollierbar sind.
CF: Im politischen Raum wird derzeit auch über mögliche Deregulierung gesprochen. Halten Sie eine Lockerung der Regulierung für realistisch und welche Bereiche könnten davon betroffen sein?
Töke: Eine grundlegende Deregulierung im klassischen Bankaufsichtsrecht halte ich kurzfristig für eher unwahrscheinlich. Die Stabilitätsanforderungen an Finanzinstitute – insbesondere in Bezug auf Kapital, Liquidität und Risikosteuerung – sind eine direkte Lehre aus der Finanzkrise und bilden weiterhin das Fundament der Finanzmarktregulierung. Es ist daher kaum zu erwarten, dass Aufsichtsbehörden oder Gesetzgeber in diesen Kernbereichen substanzielle Lockerungen vornehmen werden.
Realistischer erscheint eine andere Entwicklung: eine stärkere Priorisierung und Vereinfachung bestehender Regelwerke. In den vergangenen Jahren ist eine Vielzahl neuer Anforderungen entstanden, etwa im Bereich der digitalen Resilienz, der Nachhaltigkeitsberichterstattung oder der Auslagerungssteuerung. In der Praxis zeigt sich zunehmend, dass die parallele Anwendung vieler unterschiedlicher Regelwerke erhebliche Komplexität erzeugt. Eine gezielte Vereinfachung oder bessere Abstimmung regulatorischer Anforderungen könnte deshalb für Institute spürbare Entlastung bringen, ohne die Stabilitätsziele der Regulierung infrage zu stellen.
Auch im Bereich der Nachhaltigkeitsregulierung ist bereits eine gewisse Neujustierung erkennbar. Nach einer Phase sehr dynamischer regulatorischer Entwicklung rückt stärker die Frage in den Vordergrund, wie Anforderungen praxistauglich umgesetzt werden können und welche Daten tatsächlich belastbar erhoben werden können. Hier ist denkbar, dass bestimmte Berichtspflichten oder Detailanforderungen angepasst oder stärker priorisiert werden.
Aus meiner Sicht wird die Diskussion über Deregulierung deshalb weniger zu einer generellen Lockerung führen, sondern eher zu einer Phase regulatorischer Konsolidierung. Ziel dürfte es sein, die bestehenden Anforderungen besser aufeinander abzustimmen und den Fokus stärker auf solche Regeln zu legen, die tatsächlich zur Stabilität und Transparenz des Finanzsystems beitragen.
CF: Wie verändert Private Equity Governance, Risikobereitschaft und strategische Ausrichtung von Finanzinstituten?
Töke: Der Einstieg von Private-Equity-Investoren führt in Finanzinstituten häufig zu einer deutlich stärker kapitalmarkt- und leistungsorientierten Governance-Struktur. Private-Equity-Häuser verfolgen in der Regel einen aktiven Eigentümeransatz, der durch klare Zielvorgaben, enges Monitoring der Geschäftsentwicklung und eine hohe strategische Steuerungsintensität geprägt ist. Entscheidungsprozesse werden dadurch häufig schneller und stärker auf Effizienz, Wachstum und Skalierbarkeit ausgerichtet.
In Bezug auf die Risikobereitschaft ist das Bild differenziert. Private Equity ist nicht zwangsläufig mit einer höheren operativen Risikoneigung verbunden, da Investoren ein erhebliches Interesse an stabilen und planbaren Cashflows haben. Gleichzeitig kann sich die Risikostruktur verändern, weil Investoren häufig stärker auf Wachstumssegmente, neue Technologien oder Konsolidierungsstrategien setzen. In bestimmten Marktsegmenten kann dies zu einer höheren strategischen Dynamik führen, während klassische Stabilitäts- und Risikomanagementanforderungen weiterhin durch regulatorische Rahmenbedingungen begrenzt werden.
Auch die strategische Ausrichtung von Finanzinstituten kann sich unter Private-Equity-Eigentümerschaft spürbar verändern. Investoren verfolgen häufig einen klar definierten Wertsteigerungsplan, der beispielsweise auf operative Effizienzsteigerungen, technologische Modernisierung oder eine stärkere Fokussierung auf profitable Kerngeschäftsfelder abzielt. In vielen Fällen geht dies mit einer stärkeren Spezialisierung des Geschäftsmodells oder mit Konsolidierungsstrategien innerhalb eines Marktsegments einher.
Aus regulatorischer Perspektive entsteht dadurch eine besondere Governance-Herausforderung. Finanzinstitute unterliegen langfristig angelegten Stabilitätsanforderungen, während Private-Equity-Investoren typischerweise mit einem begrenzten Investmenthorizont arbeiten. In der Praxis müssen deshalb Eigentümerstrategie, Aufsichtsvorgaben und langfristige Stabilitätsinteressen sorgfältig miteinander in Einklang gebracht werden.
Insgesamt führt der Einfluss von Private Equity daher häufig zu einer stärkeren strategischen Fokussierung und zu effizienteren Governance-Strukturen. Gleichzeitig bleibt entscheidend, dass diese Veränderungen mit den regulatorischen Anforderungen und der besonderen Vertrauensfunktion von Finanzinstituten kompatibel bleiben.
CF: Wo sehen Sie Konfliktlinien zwischen langfristiger Stabilität und renditegetriebenen Beteiligungsmodellen?
Töke: Konfliktlinien können vor allem dort entstehen, wo sich unterschiedliche Zeithorizonte und Steuerungslogiken überlagern. Regulierte Finanzinstitute sind typischerweise auf langfristige Stabilität, kontinuierliche Risikosteuerung und nachhaltige Geschäftsmodelle ausgerichtet. Private-Equity-Investoren verfolgen demgegenüber häufig einen klar definierten Investmentzyklus mit dem Ziel, innerhalb eines begrenzten Zeitraums eine signifikante Wertsteigerung zu realisieren. Diese unterschiedlichen Perspektiven können insbesondere bei strategischen Entscheidungen, Kapitalallokation oder Wachstumsstrategien zu Spannungen führen.
Ein möglicher Konfliktbereich liegt in der strategischen Ausrichtung von Geschäftsmodellen. Renditeorientierte Beteiligungsmodelle setzen häufig auf beschleunigtes Wachstum, operative Effizienzprogramme oder Konsolidierungsstrategien. Für Finanzinstitute ist jedoch entscheidend, dass Wachstum und Expansion jederzeit mit einer stabilen Risikosteuerung und einer angemessenen Kapitalausstattung vereinbar bleiben. Gerade in regulierten Bereichen sind deshalb klare Governance-Strukturen notwendig, um sicherzustellen, dass wirtschaftliche Zielsetzungen mit aufsichtsrechtlichen Anforderungen in Einklang stehen.
Ein weiterer potenzieller Spannungsbereich betrifft die Kapitalstruktur. Private-Equity-Transaktionen sind häufig mit einer stärkeren Kapitalmarktorientierung und teilweise auch mit einer höheren finanziellen Hebelung verbunden. Regulierte Finanzinstitute unterliegen jedoch strengen Anforderungen an Kapitalausstattung und Risikotragfähigkeit. Die Gestaltung der Kapitalstruktur muss daher besonders sorgfältig erfolgen, um sicherzustellen, dass regulatorische Stabilitätsanforderungen jederzeit erfüllt bleiben.
In der Praxis lassen sich diese Spannungen jedoch häufig durch geeignete Governance- und Kontrollmechanismen ausgleichen. Aufsichtsrechtliche Genehmigungsverfahren, Anforderungen an Eigentümerstrukturen sowie interne Kontrollsysteme sorgen dafür, dass strategische Entscheidungen im Einklang mit den Stabilitätsanforderungen des Finanzsystems getroffen werden.
Die zentrale Herausforderung besteht daher weniger darin, dass Private Equity grundsätzlich mit langfristiger Stabilität unvereinbar wäre. Entscheidend ist vielmehr, dass Beteiligungsmodelle, Governance-Strukturen und regulatorische Anforderungen so ausgestaltet werden, dass wirtschaftliche Zielsetzungen und Stabilitätsinteressen miteinander vereinbar bleiben.
CF: Herr Töke, vielen Dank für das Interview und Ihre Einordnung der Entwicklungen!
Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro
Zum Interviewpartner:
Matthias Töke ist Rechtsanwalt und Partner der Practise Group Banking & Finance bei Baker McKenzie und berät Private-Equity Sponsoren, Unternehmen, Debt Funds, Banken und andere Finanzinstitute zu allen Aspekten komplexer nationaler und grenzüberschreitender Leveraged-Buy-Out-Finanzierungen, finanziellen Restrukturierungen und allgemeinen Unternehmensfinanzierungen.

