17.02.2016

Schuldscheine: Boom mit Nebenwirkungen

Beitrag mit Bild

Corporate Finance

Der deutsche Schuldscheinmarkt brummt. Im Jahr 2015 lag das Neuemissionsvolumen um mehr als 60 Prozent höher als im Vorjahr. Allerdings droht die zunehmende Zahl kleinerer Emittenten die Qualität der Papiere zu verwässern, warnt Scope Ratings.

Kleine und mittelgroße Unternehmen zapfen zunehmend den Schuldscheinmarkt an – mit erheblichen Folgen für Investoren: „Zwar ist die Unternehmensgröße nicht per se ein Indikator für die Kreditqualität einzelner Emittenten, kleinere Emittenten können jedoch die durchschnittliche Bonität am Schuldscheinmarkt beeinflussen“, warnt Sebastian Zank, Director Corporates bei Scope Ratings. „Auf Dauer droht der Charakter des Schuldscheinmarktes als Garant für erstklassige Bonitäten zu verwässern, wenn viele kleine Unternehmen den Markt dominieren.“ Im vergangenen Jahr haben Unternehmen in Deutschland insgesamt Schuldscheine nach Angaben von Thomson Reuters in Höhe von mehr als 20 Milliarden Euro begeben. Das sind mehr als 60 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Damit lag das Emissionsniveau zuletzt wieder ähnlich hoch wie im Jahr 2008. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: „Damals besorgten sich vor allem Großunternehmen frisches Kapital über Schuldscheine, weil über andere Finanzmarkt-Kanäle und klassische Kredite nur schwer an Geld zu kommen war“, sagt Zank. „Heute sind die durchschnittlichen Emissionsvolumina und eben auch die emittierenden Unternehmen deutlich kleiner.“

Viele Emittenten drängen mit kleinen Volumina auf den Markt

Während Schuldscheinemissionen früher in der Regel ein Volumen von mindestens mehreren hundert Millionen Euro hatten, begeben Unternehmen mittlerweile häufig Schuldscheine mit Volumina von unter 100 Millionen Euro, in einigen Fällen sogar unter 50 Millionen Euro. Ein Grund: Im vergangenen Jahr zählten mehr als 40 Prozent der Emittenten zu den kleinen und mittelgroßen Unternehmen mit weniger als einer Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. „Das hat es früher nicht gegeben“, sagt Zank. „Die Jagd von Investoren nach Rendite öffnet die Tür zum Schuldscheinmarkt für immer mehr Unternehmen.“ Denn kleine und mittelgroße Firmen zahlen meist höhere Zinsen als große Emittenten. Während Großunternehmen mit Investment-Grade-Rating rund 150 Basispunkte Aufschlag zum risikolosen Referenzzins zahlen, rentieren Schuldscheine kleinerer Firmen bis zu 350 Basispunkte über dem Referenzsatz. „Investoren sollten sich darüber im Klaren sein, dass damit auch das Risiko steigt“, sagt Zank. „Selbst wenn ein Schuldschein eigentlich grundsätzlich eine gute Qualität signalisiert: Viele Investoren vertrauten allzu sehr auf den guten Namen des Schuldscheinmarktes, in dem drei Viertel der Emittenten nicht über ein öffentliches Rating verfügen.“

Emissionen häufig deutlich überzeichnet

Kleine Firmen zapfen den Schuldscheinmarkt im Moment an, weil sie dort Kapital zu vergleichsweise günstigen Konditionen aufnehmen können. „Viele Emissionen sind derzeit stark überzeichnet“, beobachtet Zank. „Es kommt häufig vor, dass Unternehmen ihr Emissionsvolumen um 50 Prozent aufstocken.“ Darunter sind auch viele Neulinge, die erstmals einen Schuldschein begeben. „Es hat sich herumgesprochen, dass der Markt Neuemissionen sehr gut aufnimmt“, sagt Zank. Der Finanzierungsbedarf ist groß: Der Markt für Unternehmensübernahmen zum Beispiel läuft derzeit auf Hochtouren, und über einen Schuldschein können Unternehmen auf einen Schlag viel Kapital für Zukäufe beschaffen. Zudem laufen aktuell viele Schuldscheine aus der Zeit der Finanzkrise und den Jahren danach aus: „Firmen können sich derzeit zu deutlich günstigeren Konditionen als damals refinanzieren“, sagt der Scope-Analyst. Weiterer Treiber: Ausländische Banken, Emittenten und Investoren entdecken den deutschen Schuldscheinmarkt und sorgen für Nachfrage. „Der Markt genießt international hohes Ansehen“, beobachtet Zank.

Schuldscheinmarkt startet verheißungsvoll in das neue Jahr

Der Analyst hält es durchaus für möglich, dass im Jahr 2016 ähnlich viel Kapital über neue Schuldscheine eingesammelt wird als im starken Vorjahr: „Die Vorzeichen stehen gut. Aber letztlich hängt das Volumen auch davon ab, wie viele Unternehmen Jumbo-Schuldscheinemissionen über viele hundert Millionen oder gar Milliarden Euro begeben.“ Der Jahresauftakt war in dieser Beziehung verheißungsvoll. Der Baustoffkonzern HeidelbergCement hat im Januar satte 625 Millionen Euro per Schuldschein eingesammelt – dank einer unerwartet großen Nachfrage der Investoren waren das 225 Millionen Euro mehr als ursprünglich geplant.

(Pressemitteilung Scope Ratings vom 15.02.2016)


Redaktion

Weitere Meldungen


Meldung

© Sondem / fotolia.com

03.09.2026

Infrastruktur bestimmt Investitionsentscheidungen

Eine leistungsfähige Infrastruktur wird für Deutschlands Unternehmen zunehmend zum Investitionsfaktor. Das zeigt die Studie „Vom Wachstumshemmnis zum Wachstumstreiber“ des Handelsblatt Research Institute (HRI) mit PwC Deutschland und Strategy&. Befragt wurden 304 Entscheiderinnen und Entscheider aus Unternehmen mit mindestens 100 Beschäftigten. Für 76% beeinflusst die Qualität der Infrastruktur das Investitionsverhalten in Deutschland stark. Gelingt die Modernisierung,

Infrastruktur bestimmt Investitionsentscheidungen
Meldung

© weerapat1003/fotolia.com

02.09.2026

Klimaschutz: KMU sehen großen Investitionsbedarf

Rund drei Viertel aller KMU (73 %) müssen nach eigener Einschätzung noch (weitere) Investitionen tätigen, um perspektivisch klimaneutral zu wirtschaften – dies zeigt eine Sonderbefragung zum KfW-Mittelstandspanel. Der Handlungsbedarf ist breit gefächert: Über die Hälfte der KMU muss in mindestens drei Feldern investieren, insbesondere in klimafreundliche Mobilität, die Erzeugung / Speicherung erneuerbarer Energien sowie die

Klimaschutz: KMU sehen großen Investitionsbedarf
Meldung

© bluedesign/fotolia.com

02.09.2026

Stimmung im Mittelstand verbessert sich deutlich

Die Stimmung in den mittelständischen Unternehmen in Deutschland hat sich im August überraschend stark aufgehellt. Das Geschäftsklima stieg den vierten Monat in Folge, im August um beachtliche 4,5 Zähler auf minus 12,5 Punkte. Getragen wurde diese Positiventwicklung sowohl von einer verbesserten Bewertung der aktuellen Lage als auch noch stärker von deutlich optimistischeren Erwartungen an die

Stimmung im Mittelstand verbessert sich deutlich
CORPORATE FINANCE Beratermodul

Haben wir Ihr Interesse für CORPORATE FINANCE geweckt?

Sichern Sie sich das Beratermodul CORPORATE FINANCE im 3 Monate Start-Abo (1 Monat gratis)