• Home
  • /
  • Meldungen
  • /
  • Vorstandsverträge mit Rückforderungsklauseln – ein Trend mit Nebenwirkungen

03.06.2020

Vorstandsverträge mit Rückforderungsklauseln – ein Trend mit Nebenwirkungen

Beitrag mit Bild

© igor/fotolia.com

Die Finanzkrise hat Diskussionen über die Angemessenheit der Vorstandsvergütung ausgelöst. In zahlreichen Ländern gab es daraufhin Initiativen, sogenannte Clawback-Klauseln in Vorstandsverträge einzufügen. Sie sollen Verhalten von Vorständen verhindern, welches an kurzfristigen Zielen orientiert ist, indem Unternehmen unter bestimmten Bedingungen bereits ausgezahlte Bezüge von ihren Vorständen zurückfordern können. Forscher der Universität Göttingen haben allerdings herausgefunden, dass diese Klauseln auch zu unerwünschten Folgen für die Unternehmensentwicklung führen können.

Dr. Michael Wolff, Professor für Management und Controlling an der Universität Göttingen, hat mit seinem Team untersucht, welche Folgen Clawback-Klauseln für die Unternehmensentwicklung haben. Die Wissenschaftler werteten dafür Daten von fast 1.000 börsengelisteten US-Unternehmen über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren aus. Als Untersuchungsobjekt wurden US-amerikanische Unternehmen gewählt, da sich Clawback-Klauseln in diesen Unternehmen unter anderem durch den Dodd-Frank Act deutlich früher verbreitet haben als in Deutschland.

Die wesentlichen Ergebnisse der Studie: Die Einführung von Clawback-Klauseln verändert die Risikowahrnehmung und damit die Entscheidungsgrundlage von Vorständen. Die Forscher fanden robuste, empirische Evidenz dafür, dass sich das strategische Repertoire eines Unternehmens um durchschnittlich sechs Prozent reduziert, sobald Clawback-Klauseln eingeführt werden.

„Offenbar fokussieren sich Vorstände dann vermehrt darauf, Auslösemechanismen zu vermeiden, und verzichten dadurch gleichzeitig auf wertschaffende, aber riskante Forschungs- und Entwicklungsprojekte, Marktexpansionen, Produktanpassungen und ähnliche Projekte“, sagt Wolff. Dieser Effekt ist sogar noch größer, wenn die Clawback-Klauseln weitere Klauseln enthalten und weniger spezifisch formuliert, so dass die Betroffenen noch weniger einschätzen können, in welchen Situationen die Clawback-Klauseln ausgelöst werden und somit Rückzahlungsforderungen an sie gestellt werden.

Das veränderte Verhalten von Vorständen stellt eine Gefährdung für die langfristige Unternehmensentwicklung dar. „Wird das breite strategische Repertoire nicht genutzt, weil Vorstände Risiko vermeiden wollen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass langfristige Marktopportunitäten und -trends in der Unternehmensführung nicht ausreichend berücksichtigt werden“, sagt Wolff.

Die langfristige Gefahr eines geringen strategischen Repertoires lässt sich auch am Marktwert-Buchwert-Verhältnis eines Unternehmens erkennen. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass ein höheres strategisches Repertoire zu einem höheren Marktwert-Buchwert-Verhältnis führt. Dies bedeutet, dass Investoren aufgrund des höheren strategischen Repertoires eine überdurchschnittliche Unternehmensentwicklung und damit letztlich auch eine bessere Performance der betroffenen Unternehmen in der Zukunft erwarten.

Im Rahmen der Studie wurden die Ergebnisse auch mit Expertinnen und Experten aus der Unternehmenspraxis reflektiert. Dabei wurde unter anderem die Übertragbarkeit der gefundenen Ergebnisse auf deutsche Unternehmen bestätigt. Clawback-Klauseln und ihre Folgen sollten differenzierter betrachtet werden als bisher, fordern die Forscher. „Aufsichtsräte sollten sich bei der Einführung auch ihrer negativen Wirkungen bewusst sein und diese vor dem Hintergrund der strategischen Herausforderungen kritisch reflektieren“, so Wolff.

Konkret sollte der Aufsichtsrat vor allem bei Unternehmen mit einem hohen Bedarf an strategischen Veränderungen deren Einführung kritisch überprüfen und die strategische Entwicklung des Unternehmens noch stärker im Blick behalten. Um potenzielle unerwünschte Folgen zu minimieren, sollten die Clawback-Klauseln aus Sicht der Vorstände möglichst nachvollziehbar bezüglich der Situationen, die zum Auslösen der Klauseln führen würden, ausgestaltet werden.

Originalveröffentlichung: Sebastian Firk, Max Holst und Michael Wolff (2020). Clawback-Klauseln als strategisches Handicap? Untersuchung der Wirkung von Clawback-Klauseln auf die strategische Ausrichtung von Unternehmen. www.uni-goettingen.de/de/625351.html

(Pressemitteilung Universität Göttingen vom 26.05.2020)


Redaktion

Weitere Meldungen


Meldung

©Egor/fotolia.com

23.03.2026

Aktionärsrechte im Rückzug: Krise der Corporate Governance

Die Corporate Governance börsennotierter Unternehmen steht seit Jahren zwischen Reformanspruch und Vertrauenskrise. Obwohl gesetzliche Vorgaben und der Deutsche Corporate Governance Kodex Transparenz, Kontrolle und verantwortungsvolle Unternehmensführung sichern sollen, zeigen sich in der Praxis immer wieder deutliche Defizite. Im Interview erläutert Robert Peres, Rechtsanwalt und Vorsitzender der Initiative Minderheitsaktionäre, wo die strukturellen Schwächen liegen und warum

Aktionärsrechte im Rückzug: Krise der Corporate Governance
Meldung

©JürgenFälchle/fotolia.com

23.03.2026

Steigende Energiepreise gefährden wirtschaftliche Erholung

Der eskalierende Krieg im Nahen Osten seit Anfang März 2026 erhöht die wirtschaftlichen Risiken für Deutschland deutlich. Eine aktuelle Analyse auf Basis des ZEW-Finanzmarkttests zeigt, dass insbesondere steigende Energiepreise und wachsende Unsicherheit die konjunkturelle Entwicklung belasten könnten. Während die Auswirkungen bei einer kurzen Kriegsdauer begrenzt bleiben, drohen bei einem länger anhaltenden Krieg spürbare Einbußen beim

Steigende Energiepreise gefährden wirtschaftliche Erholung
Meldung

©EtiAmmos/fotolia.com

19.03.2026

Automobilzulieferer vor schwieriger Dekade

Die Kfz-Zulieferindustrie steuert auf eine tiefgreifende Zäsur zu: Bis 2035 wird die Nachfrage nach Automobilkomponenten zwar jährlich um 3,5 % steigen. Davon profitieren aber längst nicht alle Unternehmen. Gewinner sind die Hersteller von Fahrzeugsoftware, Batterien und Elektrofahrzeugkomponenten. Sie können mit Wachstumsraten zwischen 13 und 16 % pro Jahr rechnen. Produzenten von Komponenten für Verbrennungsmotoren verlieren deutlich –

Automobilzulieferer vor schwieriger Dekade
CORPORATE FINANCE Beratermodul

Haben wir Ihr Interesse für CORPORATE FINANCE geweckt?

Sichern Sie sich das Beratermodul CORPORATE FINANCE im 3 Monate Start-Abo (1 Monat gratis)