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01.12.2021

Deutsche Wirtschaft vor schwierigem Winter: Lieferengpässe, Energiekosten und vierte Covid-Welle belasten die Konjunktur

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© Peter38 / fotolia.com

Aufholeffekte bei den kontaktintensiven Dienstleistungen sorgten trotz hartnäckiger Angebotsengpässe in der Industrie für ein kräftiges deutsches Wachstum von 1,7% im dritten Quartal. Doch nun steht der Wirtschaft ein schwieriger Winter bevor: Der steile Energiepreisanstieg dämpft die private Kaufkraft und belastet die Unternehmen kostenseitig. Gleichzeitig halten sich die Materialengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie die Störungen im globalen Transportsystem hartnäckig. Angesichts unzureichender Impffortschritte türmt sich zu alledem die vierte Welle der Corona-Neuinfektionen mit Beginn der kalten Jahreszeit auf immer neue Höchststände auf, so der aktuelle KfW-Konjunkturkompass.

Regeln zur Eindämmung und eine freiwillige Zurückhaltung beim sozialen Konsum aus Angst vor Ansteckungen dürften die Umsätze vieler Unternehmen im kontaktintensiven Dienstleistungsbereich sowie im stationären Einzelhandel nun wieder belasten. In der Folge wird die Wirtschaft im begonnenen Winterhalbjahr 2021/2022 kaum über eine Stagnation hinauskommen, vorübergehend kann sie sogar etwas schrumpfen. Bei mehr oder weniger gleichzeitiger Entspannung bei Materialengpässen und Pandemielage wird es dann ab dem Frühling 2022 aber zu einem kräftigen Schub beim Quartalswachstum kommen.

KfW Research erwartet für 2022 Anstieg des deutschen BIP um 4,4% nach 2,6% im Jahr 2021

Für das kommende Jahr erwartet KfW Research mit 4,4% (Vorprognose: 4,2%) ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum als 2021 mit 2,6% (Vorprognose: 3,0%; alle Raten preisbereinigt). Ein Teil des Wachstums verlagert sich der Konjunkturexperten zufolge in das kommende Jahr und das deutsche Bruttoinlandsprodukt bleibt in diesem Jahr noch leicht, um gut ein Prozent, hinter dem Vorkrisenniveau im vierten Quartal 2019 zurück. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Ihr Vorkrisenniveau wird die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2022 übertreffen – und zwar recht schnell und deutlich, sobald sich die hemmenden Faktoren lösen, prognostizieren die Studienautoren.

Wachstumsschub ab dem kommenden Frühjahr

Die Schere zwischen Nachfrage und Angebot in der Industrie hat sich der Analyse zufolge seit Mitte 2020 immer weiter geöffnet: Aktuell ist der monatliche Eingang an neuen Aufträgen im Verarbeitenden Gewerbe knapp 9% höher als im Februar 2020, dem letzten Monat vor Beginn der coronabedingten Einschränkungen. Demgegenüber fällt die Produktion infolge der gravierenden Materialengpässe immer weiter zurück und liegt inzwischen um gut 11% unter dem Vorkrisenniveau. Der seit Januar 2015 erhobene Bestand an unerledigten Aufträgen im Verarbeitenden Gewerbe wächst deshalb schon seit Anfang 2021 im Monatsrhythmus auf immer neue Rekordstände an. Mit dem Abarbeiten dieses enormen Auftragsstaus ist im Verlauf von 2022 ein neuer Wachstumsschub absehbar, sobald die Materialknappheiten nachlassen, erläutern die Studienautoren. Mit der Eindämmung der vierten Welle der Pandemie werde zudem die Konsumnachfrage im Verlauf von 2022 wieder anziehen, zumal die privaten Haushalte über erhebliche Überersparnisse verfügen würden, mit denen sie auch energiepreisbedingte Kaufkraftverluste zumindest abfedern könnten. So lag die Sparquote vom ersten Quartal 2020 bis zum dritten Quartal 2021 im Schnitt um 5,8 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der zehn Jahre zuvor, was einer Überersparnis von zusammengenommen 208 Mrd. EUR oder 6,2% des BIP im Jahr 2020 entspricht.

BIP-Wachstum in der Eurozone 2021 bei 5,0% und 2022 bei 4,2%

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone wuchs im dritten Quartal 2021 mit 2,2% gegenüber dem Vorquartal noch kräftiger als das deutsche BIP. Das starke Comeback der Dienstleistungen – vor allem des Gastgewerbes und anderer kontaktintensiver Branchen wie etwa Veranstaltungen – gab der Wirtschaftsleistung der Eurozone einen kräftigen Schub. Zugleich belasteten die Materialengpässe die Produktion weniger als in Deutschland mit seinem überdurchschnittlich hohen Industrieanteil einschließlich der besonders unter dem Chipmangel leidenden Autoindustrie. Für die Eurozone insgesamt ist das Vorkrisenniveau zum Greifen nah, es fehlen noch 0,5%. Die weitere Erholung wird von einer unguten Kombination aus der rapiden Verteuerung von Energie, anhaltenden Materialengpässen und lokalen Infektionswellen unterschiedlicher Stärke ausgebremst. In Südeuropa erscheint die Pandemielage relativ stabil und dank hoher Impfquoten gut beherrschbar. Hingegen ist die Dynamik der Fallzahlen in Deutschland und weiteren Ländern vor allem Nord-, Mittel- und Osteuropas hoch. Verschärfungen der Maßnahmen könnten hier den sozialen Konsum über den Winter wieder etwas schrumpfen lassen. Das Quartalswachstum in der Eurozone wird deshalb kurzfristig verflachen, bevor es bei verbesserter Pandemielage und rückläufigen Materialengpässen ab dem kommenden Frühling wieder Fahrt aufnimmt. Unterm Strich erwartet KfW Research für die Eurozone im Jahr 2021 ein BIP-Wachstum von 5,0% (Vorprognose: +4,7%; technisch begründete Aufwärtsrevision infolge Aktualisierung vergangenheitsbezogener BIP-Daten durch Eurostat). 2022 dürfte das Wirtschaftswachstum 4,2% (Vorprognose: 4,3%) erreichen.

Omikron-Variante noch schwer kalkulierbares Risiko

Die Corona-Pandemie ist weiterhin das zentrale Risiko für die Konjunktur, wie die neu entdeckte Virusvariante Omikron augenfällig unterstreicht. Den Studienautoren zufolge könnte das deutsche Wachstum könnte 2022 zwischen 2,5 und 4 Prozentpunkte niedriger ausfallen als vorhergesagt, falls wieder scharfe Eindämmungsmaßnahmen wie pauschale Lockdowns ergriffen werden müssten und sich im ungünstigsten Fall zudem die Industrieerholung wegen erneuter globaler Angebotsengpässe weiter in die Zukunft verschöbe. Allerdings sei gegenwärtig völlig unklar, ob Omikron tatsächlich ansteckender oder im Krankheitsverlauf schwerwiegender ist. Bislang unbeantwortet ist zudem die Frage, ob die bisherigen Impfstoffe deutlich weniger gegen eine Ansteckung schützen. Insofern ist auch offen, wie hoch die Eintrittswahrscheinlichkeit dieser Krisenszenarien ist. Ebenfalls denkbar ist außerdem, dass Omikron zwar ansteckender aber in den Krankheitsverläufen weit harmloser ist als die bisherigen Varianten, was uns dem Ende der Pandemie sogar ein Stück näherbrächte, so die Einschätzung der Studienautoren.

Der aktuelle KfW-Konjunkturkompass ist hier abrufbar.

(Pressemitteilung KfW vom 30.11.2021)


Redaktion

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