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25.09.2023

Power Purchase Agreements – zwischen Versorgungssicherheit, Erneuerbarkeit und Bezahlbarkeit

Autokonzerne auf der Überholspur

Niklas Polster

Bei Power Purchase Agreements handelt es sich um spezielle Stromlieferverträge aus erneuerbaren Energieerzeugungsanlagen. Der Käufer kann sich mit einem PPA grünen Strom langfristig sichern. Dies dient einerseits der Preisfixierung auf der Einkaufsseite und bringt auf der Anbieterseite Planungssicherheit.

In Folge der hohen Energiepreise hat das Thema Energiewende in Industrieunternehmen höchste Priorität erreicht. Für die Finanzberichterstattung der Unternehmen ergeben sich in diesem Kontext zahlreiche Fragen. Niklas Polster, Director im Bereich Power, Utilities & Renewables bei der Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Düsseldorf kennt die Herausforderungen des Paradigmenwechsels in der Energiebranche, betont aber auch dessen Chancen am Beispiel von sogenannten Power Purchase Agreements (PPAs).

CF: Herr Polster, welche Auswirkungen hat die Energiewende auf die Finanzberichterstattung von Unternehmen?

Polster: Für die meisten Industrieunternehmen ist die Energiewende eine Disruption der bestehenden Beschaffungsprozesse. Der Strom kommt nicht mehr einfach aus der Steckdose. Vielmehr ergeben sich Fragen zur Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit sowie der Erneuerbarkeit der Stromressourcen. Gleiches gilt für andere Energieträger, wie z.B. Gas. Durch diesen Paradigmenwechsel muss man die Energiebeschaffung insgesamt neu überdenken. Dabei besteht in der Finanzberichterstattung aktuell ein hohes Maß an Unsicherheit. Dies hängt zum einen mit dem Wandel im Bereich neuer Produkte und Technologien zusammen und andererseits natürlich mit den Folgen der hohen Energiepreise.

CF: Welche Rolle spielen die hohen Energiepreise für den Industriestandort Deutschland?

Polster: Nun, auf der einen Seite erschwert diese unsichere Phase Investitionsentscheidungen. Andererseits müssen Industrieunternehmen ihre eigenen Geschäftsmodelle und Lieferketten neu beurteilen. In diese Phase fallen eine Vielzahl von Maßnahmen, angefangen bei staatlichen Eingriffen wie der Strompreisbremse oder dem Industriestrompreis, bis hin zur Ausweitung des Handels mit Emissionszertifikaten. Anderseits bieten sich Chancen, die Energiebeschaffungsstrategie durch innovative Lösungen wie PPAs zu ergänzen.

CF: Stichwort PPAs – welche Chancen und Risiken ergeben sich denn damit für Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien?

Polster: Kurz vorab zur Erklärung: Bei Power Purchase Agreements handelt es sich um spezielle Stromlieferverträge aus erneuerbaren Energieerzeugungsanlagen, die zwischen einem Verkäufer und einem Käufer abgeschlossen werden. Der Käufer kann sich mit einem PPA grünen Strom langfristig sichern. Dies dient einerseits der Preisfixierung auf der Einkaufsseite und bringt auf der Anbieterseite Planungssicherheit, was den Ausbau der erneuerbaren Erzeugungsanlagen fördert. Gleichzeitig stellt dies einen großen Hebel zur Reduzierung der Scope II Emissionen dar – also die Emissionen aus dem Einkauf von Energie.

Die wesentlichen Chancen und Risiken liegen aus meiner Sicht in dem Umgang mit Marktpreisrisiken und Glaubwürdigkeit bei den Bemühungen um Nachhaltigkeit. Man muss bedenken, dass Strom nur begrenzt lagerfähig ist und die Erzeugung aus erneuerbaren Energien fluktuiert. Sehen die Verträge den Bezug der gesamten Erzeugungsmenge vor, wird damit eine Variabilität des Volumens in Kauf genommen. Hierfür trägt in den meisten Fällen der Abnehmer das Risiko.

CF: Sind PPAs denn schon weit verbreitet?

Polster: Deutschland ist einer der am schnellsten wachsenden PPA-Märkte in Europa. In 2021 und vor allem 2022 haben die hohen Futurepreise in den Frontjahren die PPA-Preise nach oben getrieben, gleichzeitig haben Interventionen wie die Erlösabschöpfung Verunsicherung in den Markt gebracht. Aber das erste Halbjahr 2023 zeigt einen Aufwärtstrend, denn das Preisniveau beruhigt sich etwas und dadurch nehmen die PPA-Abschlüsse zu. Vor allem im Bereich der Photovoltaikanlagen sind die Genehmigungs- und Bauprozesse deutlich schneller als im Bereich Wind, was sich positiv darstellt. Im Bereich Offshore bleibt es abzuwarten, wie sich der Markt in Folge der Lieferkettenproblematik entwickelt. Insgesamt ist es ratsam den Markt genau zu beobachten, um zum richtigen Zeitpunkt den PPA abzuschließen.

CF: Wie sieht es mit der Bilanzierung von PPAs bzw. generell neuen Produkte und Vertragsarten aus?

Polster: Die Schwierigkeit bei der Bilanzierung von neuen Produkten oder Verträgen wie PPAs, besteht insbesondere deshalb, weil es sich um erstmalige oder seltene Sachverhalte handelt und deshalb eine vertragsspezifische Analyse und Auswertung notwendig ist. Aktuell liegt beispielsweise die Beurteilung der Bilanzierung von PPAs beim internationalen Standardsetter, IASB. Hier wird diskutiert, ob bei kurzfristigen Abverkäufen in Folge der schwankenden Erzeugungsmengen die sogenannte „Own use exemption“ erfüllt sein kann. Diese besagt grundsätzlich, dass der gesamte eingekaufte Strom auch für die Produktion verbraucht werden muss und nicht weiterveräußert werden darf. Bei schwankenden Erzeugungen aus erneuerbaren Energien, die nicht zu jeder Zeit mit dem Stromverbrauch korrelieren, ist dies herausfordernd. Auch die Frage nach einer Anwendung von Hedge Accounting ist  je nach Sachverhalt spezifisch zu klären.

CF: Das klingt nach echtem Neuland …

Polster: In gewisser Weise schon! Zudem erhalten PPAs eine Reihe von komplexen Klauseln, die es zu analysieren gilt. Hier ist es ratsam, sich intensiv mit den Verträgen auseinanderzusetzen, weshalb einige Industrieunternehmen beginnen, eine eigene In-House-Energieabteilung aufzubauen. Zur sachgerechten Bilanzierung dieser Produkte ist dann eine sorgfältige Analyse der Sachverhalte und ein Verständnis über Chancen, Risiken und die einschlägigen Rechnungslegungsstandards erforderlich.

CF: Wie stark ist der Einfluss von solch neuen Produkten wie PPAs auf die Prozesse in der Finanzabteilung, insbesondere im Hinblick auf das Risikomanagement?

Polster: Die Energiepreiskrise hat aus meiner Sicht dazu geführt, dass auch bei Industrieunternehmen das Thema Marktpreisrisiken im Risikomanagement stärker verankert wurde. Viele Unternehmen haben dazu in den vergangenen Monaten die Weichen gestellt, zum Beispiel durch die Optimierung des Energieeinkaufs, verstärkte Preisabsicherung oder die explizite Berücksichtigung des Faktors Energie in der Kostenrechnung.

Die rapiden Veränderungen erfordern jetzt von der Finanzabteilung stärkere strategische Einblicke und abteilungsübergreifende Partnerschaften. Das gilt auch für die Beurteilung neuer Produkte, wo beispielsweise ein Prozess zur Beteiligung aller Abteilungen aufgesetzt werden kann. So ist in der Regel ein CFO-Approval notwendig, um größere neue Verträge, wie PPAs abzuschließen. Wird die Finanzabteilung nicht von Beginn an einbezogen, kann das den Prozess verzögern oder den Abschluss gefährden.

CF: Trotz dieser Herausforderungen sind PPAs aber doch ein innovatives Instrument mit vielen Vorteilen. Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach erforderlich, um PPAs für Industrieunternehmen in Deutschland attraktiver zu gestalten?

Polster: Das ist eine spannende Frage mit keiner einfachen Antwort. In meiner persönlichen Wahrnehmung herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung bei Unternehmen, Maßnahmen zum Schutz des Klimas zu ergreifen. Gleichzeitig ist es notwendig, dass die richtigen politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Unsicherheiten vorzubeugen. Dazu zählen neben der Klarheit des Strommarktdesigns insbesondere politische Ansatzpunkte wie die Absicherung des Ausfallrisikos für Abnehmer und die Unterstützung bei der Projektfinanzierung der Erzeuger. Ein Beispiel wäre das norwegische Modell, in dem der Staat bei Zahlungsausfall des PPA-Abnehmers einspringt und die Stromlieferung abnimmt und vergütet. Dies gibt dem Erzeuger Sicherheiten und erhöht die Anzahl an möglichen Abnehmern. So trivial das klingt, aber es gilt auch Bilanzierungsfragestellungen aufzuarbeiten und Klarheit zu schaffen. Bei aller Agilität sollte man dabei einen kühlen Kopf bewahren. Insgesamt überwiegen meines Erachtens die Chancen für PPAs in Deutschland.

CF: Vielen Dank für das spannende Interview und Ihre Einschätzung!

(Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro)

 

Mehr erfahren

Sie möchten vertieft ins Thema einsteigen? Lesen Sie hierzu den Fachbeitrag „Auswirkungen der Energiewende auf die Finanzberichterstattung“ des Autors, erschienen in DER BETRIEB 14/2022, S. 824, »DB1398652.


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