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19.05.2023

Silicon Valley, Silvergate und Signature Bank: Drei Sargnägel oder Chance für das Krypto-Ökosystem?

Autokonzerne auf der Überholspur

©maxsim/fotolia.com

Tech-Unternehmen durchleben derzeit eine schwierige Phase. Massenentlassungen, hohe Zinsen, Skandale und nun der Konkurs der Silicon Valley Bank (SVB) fordern ihren Tribut von der Tech-Branche. Gleichzeitig ist klar geworden, dass Banken und Kryptowährungen enger miteinander verflochten und sogar voneinander abhängig sind, wie ihre häufige Darstellung als Gegenspieler der Akteure des klassischen Finanzwesens vermuten lässt. Zeit zu untersuchen, was der Fall von SVB mit dem Krypto-Ökosystem zu tun hat.

Unruhe macht sich breit in der Tech-Szene. Im ersten Quartal 2023 kam es zu einer regelrechten Entlassungswelle in der Tech-Branche. Unternehmen wie Amazon, Microsoft und Meta sowie knapp 700 weitere Unternehmen reagierten mit knapp 200.000 Kündigen auf die eingetrübten Marktbedingungen. Die hohen Zinsen der Zentralbanken ließen zudem das Geld der Investoren weg von risikoreichen Anlagen, wie der Finanzierung von Start-ups, hin zu sicheren Anlagen, wie Staatsanleihen, fließen. Infolgedessen steht auch jungen Technologie-Startups immer weniger Wagniskapital zur Verfügung. Die Anzahl der Risikokapitalinvestitionen sank im vergangenen Jahr um über 30 % auf 238 Milliarden Dollar. Zwar steigen die Wagniskapitalinvestitionen in den USA wieder, u.a. beflügelt von Generative AI, der künstlichen Intelligenz hinter ChatGPT, das Marktumfeld bleibt jedoch hochgradig volatil. Besonders gebeutelt von diesen Umwälzungen ist die Krypto-Szene, die über dieses Marktumfeld hinaus auch eine Vielzahl an Skandalen. Die gefälschten Todesfälle, fehlende Milliarden und Hacks von Unternehmen, die den Aufstieg von Krypto säumen, füllen mittlerweile Bücher. Das aktuellste Beispiel: Die Implosion der Krypto-Börse FTX im November 2021. Der Gründer und ehemals als Wunderkind bekannte Sam Bankman-Fried ist derzeit wegen Betrug, Geldwäsche und anderer Straftaten angeklagt.

Der Kollaps der Silicon Valley Bank

Nach etwas mehr als einem Jahr Ukraine-Krieg und Inflation, brach im März die Silicon Valley Bank (SVB) zusammen. Seit der Finanzkrise der Jahre 2008 ist SVB zwar nicht die erste, aber mit einem Anlagevermögen von rund 185 Milliarden Dollar eine der größten amerikanischen Banken, die unter staatliche Kontrolle gestellt werden mussten. Die Gründe, wie es dazu kam, sind hinlänglich bekannt. Die Bank war zunächst ein Opfer ihres eigenen Erfolgs: noch im Jahr 2020 verwaltete sie „nur“ 55 Milliarden US-Dollar, aber schon zwei Jahre später hatte sie ihr Anlagevermögen mehr als verdreifacht, denn der Start Up-Markt in den USA boomte, die SVB hatte viele junge Tech-Unternehmen unter ihren Kunden und so wurden insgesamt fast die Hälfte aller Erlöse aus Börsengängen zwischen 2020 und 2022 bei dieser Bank geparkt. Mit dieser gewaltigen Dimension an Einlagen war das Management aber augenscheinlich überfordert. Unternehmerische Fehlentscheidungen über die Anlage der Kundengelder wurden auch nach deutlichen Warnhinweisen über steigende Zinsen von der Federal Reserve von der Geschäftsleitung nicht korrigiert. Auch verkannte die SVB das Austrocknen des IPO-Marktes und die in der Folge veränderten Anforderungen an den Liquiditätsbedarf der Start-Up Kunden. Als sich schließlich der Bank-Run abzeichnete, hätte SVB schnell eigene Aktien auf dem Markt anbieten müssen, um die Kunden so lange zu befriedigen, bis die Angst vor einem Liquiditätsproblem der Bank beseitigt worden war. Auch das verpasste die SVB, obwohl der Private Equity-Riese General Atlantic sogar ein Kaufangebot von Stammaktien der Bank im Wert von 500 Millionen Dollar unterbreitet hatte.

Folgeeffekte für Tech-Startups und ein Horrormonat für das Krypto-Ökosystem

Die Folgeeffekte begannen sofort, sich abzuzeichnen. Einer davon war die Schwierigkeit für Start-ups, die Gehälter ihrer Angestellten zu bezahlen. Der Schutzmechanismus der Banken sichert zwar 250.000 Dollar an Einlagen für jeden Kunden, auch im Falle der SVB. In einer Industrie, in der Unternehmen in wenigen Monaten aber Millionenbeträge einsammeln und auch wieder verbrennen, ist das jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Gary Tan, CEO des Y-Combinator, ein weltweit bekannten Accelerators für Tech- Startups, ließ im März verlauten, dass ca. 30 % der von der SVB betreuten Y-Combinator-Unternehmen in Schwierigkeiten kämen, die Gehälter ihrer Angestellten zu zahlen. Die systemischen Folgen sind jedoch noch weitreichender. So werden Tech-Startups es grundsätzlich schwerer haben, ohne die Kredite  (“Venture Debt”) der SVB zwischen den Eigenkapitalrunden liquide zu bleiben. Dies gilt umso mehr, als der Zusammenbruch der SVB kein Einzelfall blieb. Bereits am 9. März 2023 gab die kryptofreundliche Silvergate Bank bekannt, dass sie ihren Betrieb einstellen müsse. Infolge des Zusammenbruchs der SVB geriet auch eine andere Bank mit vielen Kunden aus dem Krypto-Ökosystem, die Signature Bank, in die Abwärtsspirale und musste ebenfalls schließen. Infolgedessen ist das Angebot an Geschäftskonten für Kryptounternehmen zunehmend begrenzt. Da stellt sich der Umstand fast als Randnotiz da, dass SVB Cash Reserven in Höhe von über drei Milliarden Dollar hielt, um die stabile Kryptowährung USDC-Coin abzusichern. Deren Wert ist, anders als Bitcoin, nicht einen eigenen Währungswert hat, sondern 1:1 an den Dollar gekoppelt.

Krypto als Sündenbock

In vielen Medien wurde schnell ein Sündenbock identifiziert: Kryptowährungen wurden für den Niedergang der Banken verantwortlich gemacht – nicht deren Risikomanagement. Der Monat März hatte jedoch noch weitere schlechte Nachrichten für das Krypto-Ökosystem parat. Am 21. März 2023 wurde berichtet, dass die US-Börsenaufsichtsbehörde (SEC) dem DeFi-Protokoll Sushiswap und seinem CEO Jared Grey eine Vorladung zugestellt hat. Coinbase gab am 22. März 2023 bekannt, dass es von der SEC eine Wells-Notiz im Hinblick auf „mögliche Verstöße gegen das Wertpapierrecht“ erhalten hat. Eine Wells-Notiz ist ein Schreiben, das die SEC am Ende einer Untersuchung an Personen oder Unternehmen sendet und in dem sie mitteilt, dass sie eine Durchsetzungsmaßnahme gegen sie plant. Darüber hinaus kündigte die US Steuerbehörde (IRS) an, Non-Fungible Token (NFTs) als Sammlerstücke zu behandeln und sie wie physische Kunst zu besteuern, „bis weitere Richtlinien herausgegeben werden“. Und diese Welle von Nachrichten berücksichtigt noch nicht einmal die Verhaftung von Don Kown, dem südkoreanischen Kopf hinter Terra, einem Blockchain-Protokoll und Zahlungsplattform für Stablecoins.

“The Flipside of the Coin”

Es gibt jedoch auch eine andere Seite der sprichwörtlichen Medaille, wonach Kryptowährungen ein Teil der Lösung und nicht das Problem sind. In den Wochen seit dem 10. März 2023, als die SVB unter staatliche Kontrolle gestellt wurde, hat die Kryptowährung Bitcoin von US$ 20.000 auf knapp US$ 30.000 zugelegt. Schließlich hat der Zusammenbruch der SVB einmal mehr die Schwachstellen des traditionellen Bankenmarktes aufgezeigt, die Kryptowährungen zu beheben versprechen, indem sie diese zentralisierten Institutionen durch dezentralisierte Blockchain-Protokolle ersetzen. Der regelrechte Run auf Kryptowährungen hat dazu geführt, dass der Bärenmarkt, der die Kryptoindustrie seit Monaten plagt, fast vergessen scheint. Sogar der erwähnte Stablecoin, USDC, liegt wieder bei 1 US-Dollar und wird wohl bald an seinem Kurswert festhalten.

Diese Lebenszeichen von Krypto sind für die Blockchain-Gemeinschaft von Bedeutung und geben den Befürwortern Hoffnung, dass die Potenziale der Blockchain sich doch noch realisieren lassen. Diese Potenziale lassen sich unter der Überschrift von Web3 zusammenfassen. Web3 steht für die „Dritte Generation des Internets“ und ist der Oberbegriff für die Dezentralisierung und Disintermediation nicht nur von Währungen, sondern aller Arten von digitalen und digital-physikalischen Transaktionen – von dezentralen und Blockchain-basierten Musikdiensten, Metaversen bis hin zu Städten. In Web3 haben nicht Unternehmen oder Regierungen das Sagen, sondern Blockchain-basierter Code, der von einer Gemeinschaft von Token-Inhabern überwacht wird, gewährleistet die Funktionalität dieser Anwendungen und Systeme. In einer digitalen Wirtschaft, die mit einem zunehmenden Vertrauensverlust konfrontiert ist, der auf das von den Nutzern als unethisch empfundene Verhalten von Plattformen wie Google, Meta und anderen oder die mangelnde Transparenz in Bezug auf Datennutzung und -eigentum zurückzuführen ist, verspricht Web3 eine Lösung zu sein, die auch Befürworter außerhalb der Krypto-Welt erreicht hat.

Krypto und Banken: Zusammenarbeiten, nicht konkurrieren

Um dieses Potenzial zu heben braucht es Banken, die sich auf Kryptounternehmen einstellen und somit den Wettbewerb zwischen Kryptowährungen sowie dem traditionellen Finanzwesen überwinden und zur Zusammenarbeit übergehen. Hiervon können beide Seiten profitieren. In Zeiten, in denen die Banken um Aufträge kämpfen, ist das Angebot für Kryptounternehmen eine willkommene Gelegenheit, ihre Bilanzen zu stärken.  Kleinere Banken, die die Krise bisher gut überstanden haben, haben die  Chance erkannt, die sich durch die Lücke bei Silvergate, Signature und Co. ergibt und beginnen den Markt der Kryptos für sich zu erschließen.  Unter ihnen sind die Customers Bancorp und die Fifth Third Bancorp. Diese Banken folgen nun im Geschäftskundenbereich dem Weg, der im Privatkundenbereich bereits von anderen Banken erfolgreich beschritten wurde. Durch das Angebot von Kryptowährungen für Privatkunden ist es einigen von ihnen gelungen, die Generation Z und Millenial-Kunden zu gewinnen und sich dadurch auch neue Cross- und Upselling-Optionen zu erschließen.

Es geht um die Kunden

Natürlich müssen die Banken bei der Auswahl ihrer Krypto-Kunden wählerischer werden, was den Prozess der Einrichtung von Konten in die Länge ziehen wird, sagen Banker und Krypto-Führungskräfte. Eine Sorge der Banken ist, dass sie sich nicht übermäßig Kryptowährungen exponieren wollen. Aber das ist keine schlechte Nachricht, denn es könnte den Markt für Kryptounternehmen bereinigen und gleichzeitig eine nachhaltigere und wettbewerbsfähigere Bankenbranche in den USA sichern.  Wenn Banken und Kryptos unter der wachsamen Auge der Regulatoren nicht zusammenarbeiten, riskieren wir nicht nur, dass das Potenzial des Krypto-Ökosystems nicht gehoben wird, sondern schaffen auch Anreize für mehr Kryptounternehmen, sich in Offshore-Bankgebiete zu begeben, die weniger Aufsicht bieten und somit höhere Risiken für die Kryptoindustrie und ihre Kunden bergen.

Autoren:

Prof. Dr. Daniel Graewe, LL.M. ist Direktor des Instituts für angewandtes Wirtschaftsrecht an der HSBA Hamburg School of Business Administration.

Tobias Straube ist Partner & Vice President für Analyse bei Cambrian in Berkeley (USA).


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