23.05.2018

Digitalisierung treibt Desinvestitionen

CFO Survey: Geschäfts- und Konjunkturaussichten für Deutschland im Sinkflug

© Bits and Splits/fotolia.com

Die deutschen Unternehmen treiben ihren Umbau voran und trennen sich im großen Stil von Unternehmensteilen: 2017 erreichten sowohl die Anzahl als auch das Gesamtvolumen der Desinvestitionen die zweithöchsten Werte seit Erfassung der Daten im Jahr 2010. Der Gesamtwert stieg auf 70,7 Milliarden US-Dollar, eine Steigerung um knapp 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nur im Jahr 2014 wurde mit 82,2 Milliarden US-Dollar ein höheres Volumen erreicht. Die Anzahl blieb mit 493 nur hinter dem Jahr 2016 zurück, in dem sich deutsche Unternehmen in 540 Fällen von Unternehmensteilen trennten.

Weltweit blieb das Volumen der Desinvestitionen mit 1,66 Billionen US-Dollar auf dem hohen Niveau der Vorjahre. 2016 betrug es fast genauso viel, 2015 sogar 2 Billionen US-Dollar. Die Zahl sank leicht von 10.269 im Jahr 2016 auf 10.145.

Der große Ausverkauf könnte allerdings erst noch beginnen, denn zumindest unter den Unternehmen, die bereits Desinvestitionen vorgenommen haben, ist die Bereitschaft zu weiteren Transaktionen dieser Art im vergangenen Jahr massiv gestiegen: Von den weltweit 900 befragten Unternehmen, die in den vergangenen drei Jahren mindestens eine Desinvestition vorgenommen haben, planen 87 Prozent weitere Verkäufe von Unternehmensteilen in den kommenden zwei Jahren – in Deutschland liegt der Anteil mit 85 Prozent leicht unter dem Durchschnitt. Damit ist die Bereitschaft zu Desinvestitionen weltweit mehr als doppelt so hoch wie noch im Vorjahr. 2017 planten 43 Prozent der Unternehmen Verkäufe, in Deutschland betrug der Anteil 46 Prozent.

Als Hauptgrund für ihre letzte große Veräußerung führen die Unternehmen vor allem eine schwache Wettbewerbsposition im Markt an (85 Prozent weltweit, 88 Prozent in Deutschland). 71 Prozent der Unternehmen weltweit und 73 Prozent der Unternehmen in Deutschland nehmen einfach opportunistisch sich ihnen bietende Gelegenheiten wahr, inklusive unaufgeforderter Kaufangebote. Die weltweite geopolitische Unsicherheit und Volatilität spielte in knapp der Hälfte der Fälle eine wichtige Rolle (47 Prozent weltweit, 53 Prozent in Deutschland).

Das sind Ergebnisse der Globalen Desinvestitions-Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, für die weltweit 900 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 250 Millionen US-Dollar befragt wurden. In Deutschland wurden 78 Unternehmen befragt.

„Die strategische Neuausrichtung in allen Branchen ist in vollem Gange“, stellt Carsten Kniephoff, Leiter der Desinvestitionsberatung für die EMEIA-Region, fest. „Die Unternehmen fokussieren sich immer stärker auf ihre Kernbereiche und trennen sich von Unternehmensteilen, die nicht mehr in ihr zukünftiges Konzept passen. Bei der Entscheidung für oder gegen einen Verkauf spielen in der Regel immer mehrere Faktoren eine Rolle. Wir beobachten aber zunehmend, dass die digitale Transformation die Unternehmen auch bei ihren Kauf- und Verkaufsplänen antreibt.“

Technologische Veränderungen bei drei Viertel der Unternehmen ein Grund für Desinvestitionen

74 Prozent der Unternehmen weltweit geben mittlerweile an, dass die Veränderungen durch die Technologie direkten Einfluss auf ihre Desinvestitionspläne haben. In Deutschland ist der Anteil mit 78 Prozent sogar leicht höher.

„Die Digitalisierung wirbelt die Unternehmensstrategien ordentlich durcheinander“, so Kniephoff. „Keine Branche kann sich den Veränderungen entziehen. Damit Neues entstehen kann, müssen die Unternehmen alte Zöpfe abschneiden. So machen sie Kapazitäten und Mittel frei für Investitionen in digitale Technologien oder Zukäufe von neuen Unternehmensteilen. Es zeigt sich auch, dass solche strategischen Veräußerungen den Wert der verbleibenden Unternehmensteile eher steigern als etwa opportunistische Verkäufe. Die Wahrscheinlichkeit ist fast um die Hälfte höher.“

Zurückgehender Wert in den USA, China und Frankreich

Das 18 Prozent höhere Volumen zeigt, dass in Deutschland im Vergleich zu den anderen großen Wirtschaftsnationen die Bereitschaft, sich von Unternehmensteilen zu trennen, deutlich zugenommen hat. Bei den US-Unternehmen sank das Volumen hingegen um knapp drei Prozent auf 547 Milliarden US-Dollar, in China sogar um 17 Prozent auf 192 Milliarden US-Dollar. In Frankreich ging der Wert ebenfalls deutlich um 12 Prozent auf 62 Milliarden US-Dollar zurück. Lediglich die Unternehmen im Vereinigten Königreich steigerten ihre Desinvestitionen um 28 Prozent auf 121 Milliarden US-Dollar.

„Gerade die deutschen Unternehmen leben von ihrer Innovationsfähigkeit, sonst wären sie mit ihren vergleichsweise hochpreisigen Produkten international nicht wettbewerbsfähig. Daher sind gerade sie es, die derzeit ihre Prioritäten ordnen und sich für die Zukunft aufstellen. Das heißt aber nicht, dass die verkauften Unternehmensteile nicht zukunftsfähig sind. Möglicherweise passen sie perfekt in das Portfolio eines anderen Unternehmens“, stellt Kniephoff fest.

Nicht immer sei aber die komplette Trennung von Unternehmensteilen die sinnvollste Lösung: „Unternehmen sollten auch kreativere Möglichkeiten in Betracht ziehen – dazu zählen etwa Teilveräußerungen, Zusammenschlüsse mit anderen Firmen oder Kooperationsvereinbarungen.“

Industrieunternehmen insgesamt mit höchstem Veräußerungswert

Traditionell sind vor allem die Industrieunternehmen besonders aktiv, wenn es um die Abspaltung von Unternehmensteilen geht. Sie trennten sich 2017 von Unternehmensteilen im Wert von 191 Milliarden US-Dollar (-3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Das zweithöchste Volumen erzielten die Konsumartikelhersteller mit 176 Milliarden US-Dollar (plus 13 Prozent). Damit überholten sie auch die Technologieunternehmen, die beim Desinvestitionswert um 24 Prozent auf 135 Milliarden US-Dollar einbrachen.

(Pressemitteilung EY vom 23.05.2018)


Redaktion

Weitere Meldungen


Finanzen, Krise, Verknappung
Meldung

© djvstock/fotolia.com

27.09.2022

Restrukturierungsstudie: Energiekrise, hohe Inflation und steigende Zinsen – Unternehmen sind auf externe Schocks nicht vorbereitet

Pandemie, Ukrainekrieg, Versorgungsengpässe, Inflation – Unternehmen sehen sich parallel mit diversen Krisen konfrontiert. Zudem müssen Firmen ihre Digitalisierung vorantreiben und den gestiegenen ESG-Anforderungen nachkommen. Diese vielfältigen Herausforderungen spiegeln sich auch in der aktuellen „Restrukturierungsstudie 2022“ von Roland Berger wider: 92% der befragten Experten und Expertinnen erwarten eine Zunahme der Restrukturierungsfälle. Mehr als die Hälfte sieht die Unternehmen nur bedingt oder gar nicht auf exogene Schocks vorbereitet.

Restrukturierungsstudie: Energiekrise, hohe Inflation und steigende Zinsen – Unternehmen sind auf externe Schocks nicht vorbereitet
Working Capital Management
Meldung

© Coloures-pic/fotolia.com

27.09.2022

Working Capital Report: Hersteller verbessern Working Capital Management, Zulieferer nicht

Die Automobilindustrie war in den vergangenen Jahren mit gleich mehreren großen Herausforderungen konfrontiert: Lockdowns infolge neuer Corona-Wellen, unterbrochene Lieferketten, starke Nachfrageschwankungen sowie ein Mangel an wichtigen Materialien und Bauteilen – Stichwort Chipkrise – setzten der Branche zu. Trotz dieser widrigen Umstände ist es den Unternehmen gelungen, ihre Umsätze zwischen 2017 und 2021 um 9% zu steigern und die Kapitalbindungsdauer um einen Tag zu verringern. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Herstellern und Zulieferern: Während die Original Equipment Manufacturer die Kapitalbindungsdauer seit 2017 von 19 auf 14 Tage drücken konnten, ist diese Kennzahl bei den Zulieferern in den vergangenen fünf Jahren auf 56 Tage gestiegen (plus sechs Tage).

Working Capital Report: Hersteller verbessern Working Capital Management, Zulieferer nicht
M&A, Fusion, Übernahme
Meldung

©designer491/fotolia.com

26.09.2022

M&A-Aktivitäten in der DACH-Region: Zurückhaltung in der ersten Jahreshälfte 2022

Die wirtschaftlichen Unsicherheiten in Folge des Russland-Ukraine-Kriegs machen sich im M&A-Markt bemerkbar. Im ersten Halbjahr 2022 fanden in Deutschland, Österreich und der Schweiz deutlich weniger Fusionen und Übernahmen statt als im vorangegangenen Halbjahr. Die Anzahl der Transaktionen sank von 1.884 auf 1.436 – ein Rückgang um 23,8%. Davon entfielen 1.061 auf Deutschland, 104 auf Österreich und 271 auf die Schweiz. Die Höhe der Unternehmenskäufe fiel um 34,8% von 107,4 auf 67,3 Mrd. €.

M&A-Aktivitäten in der DACH-Region: Zurückhaltung in der ersten Jahreshälfte 2022
CORPORATE FINANCE - Die Erfolgsformel für Finanzprofis

Haben wir Ihr Interesse für CORPORATE FINANCE geweckt?

Sichern Sie sich das CORPORATE FINANCE Gratis Paket: 1 Heft + Datenbank