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30.11.2017

Finanzstabilitätsbericht: Marktteilnehmer könnten Risiken unterschätzen

Autokonzerne auf der Überholspur

Die deutsche Wirtschaft wächst bereits das achte Jahr in Folge. Unternehmen und Haushalte können sich günstig finanzieren und die Volatilität an den Märkten ist gering. Niedrige Zinsen und die günstige konjunkturelle Lage in Deutschland bergen aber die Gefahr, dass Marktteilnehmer Risiken unterschätzen.

Die deutsche Wirtschaft wächst bereits das achte Jahr in Folge. Unternehmen und Haushalte können sich günstig finanzieren und die Volatilität an den Märkten ist gering. Niedrige Zinsen und die günstige konjunkturelle Lage in Deutschland bergen aber die Gefahr, dass Marktteilnehmer Risiken unterschätzen.

Diese haben sich nicht zuletzt in der lang anhaltenden Phase niedriger Zinsen aufgebaut: Die Bewertungen vieler Kapitalanlagen sind sehr hoch; der Anteil niedrig verzinster Anlagen in den Bilanzen der Banken und Versicherer ist stetig gestiegen. „In diesem vorteilhaften Umfeld sind die Marktteilnehmer anfällig gegenüber unerwarteten Entwicklungen“, sagte Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, bei der Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts 2017.

Risiken können sich im Finanzsystem verstärken

Unerwartete Entwicklungen, wie ein abrupter Zinsanstieg oder weiter anhaltend niedrige Zinsen, könnten das Finanzsystem empfindlich treffen. Von solchen negativen Entwicklungen wäre eine Reihe von Marktteilnehmern betroffen. „Risiken aus Neubewertungen, Zinsänderungen und Kreditausfällen können gleichzeitig eintreten und sich gegenseitig verstärken“, warnte Buch.

„Die Banken müssen sich vor allem für den Fall eines Zinsanstiegs rechtzeitig wappnen“, unterstrich Andreas Dombret, im Vorstand der Deutschen Bundesbank zuständig für Bankenaufsicht, bei der Vorstellung des Berichts. „Wenn die Zinsen steigen, wird dies die Stabilität des deutschen Finanzsystems mittelfristig stärken; steigen sie jedoch unerwartet stark und schnell, könnte dies das deutsche Finanzsystem empfindlich treffen“, so Dombret. Insgesamt schätzt er die Risikotragfähigkeit der Banken in Deutschland zwar als gut ein: „Weiterhin im Blick haben wir aber die niedrige Ertragskraft vieler deutscher Banken und Sparkassen, die mit einer Eigenkapitalrentabilität von 2,1% im Jahr 2016 im europäischen Vergleich am unteren Ende rangieren. Diese geringe Ertragskraft könnte den Anreiz erhöhen, vermehrt Risiken einzugehen, um so höhere Erträge zu erwirtschaften.“

Würde die Niedrigzinsphase unerwartet lange andauern, kämen insbesondere kleine und mittelgroße Banken sowie Lebensversicherer unter Druck. Die Anreize erhöhen sich dann, vermehrt Risiken einzugehen.

Die Risikotragfähigkeit des Finanzsystems könnte überschätzt werden

Die anhaltend niedrigen Zinsen und die gute konjunkturelle Lage könnten Marktteilnehmer dazu verleiten, ihre Schuldentragfähigkeit zu positiv einzuschätzen. Gerade der Markt für Wohnimmobilien ist ein wichtiges Feld für die Finanzstabilität: Deren Finanzierung macht die Hälfte aller Kredite deutscher Banken an den Privatsektor aus und mehr als zwei Drittel der Verschuldung privater Haushalte. Zwar ergaben Modellrechnungen der Bundesbank für das Jahr 2016, dass Wohnimmobilien in den Städten zwischen 15 und 30 Prozent überbewertet sein könnten. Aber andere für die Risikobewertung wichtige Indikatoren, wie das Kreditwachstum und die Kreditvergabestandards, entwickeln sich derzeit eher unauffällig. Insgesamt scheinen die Risiken aus der Wohnimmobilienfinanzierung noch begrenzt zu sein. „Finanzierungen könnten sich jedoch als nicht nachhaltig erweisen“, so Buch, „wenn die Zinsen steigen oder sich die dynamische Preisentwicklung umkehrt und so die Sicherheiten an Wert verlieren“. Dombret unterstrich dies mit Verweis auf die Erkenntnisse eines Stresstests im Rahmen der diesjährigen Niedrigzinsumfrage der Bundesbank: „Die Risiken, die in einer solchen Situation entstehen können, sind für Banken sehr relevant und sollten von ihnen daher genau im Blick behalten werden“.

Strukturierte Überprüfung der globalen Finanzmarktreformen

Seit Beginn der globalen Finanzkrise wurden zahlreiche Finanzmarktreformen auf den Weg gebracht. Nun sei es wichtig zu prüfen, ob die umgesetzten Reformen die beabsichtigten Wirkungen entfalten, heißt es weiter in dem Bericht. Der Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board, FSB) hat während der deutschen G20-Präsidentschaft ein Rahmenwerk für Auswirkungsstudien entwickelt. „Nur durch eine strukturierte Evaluierung ist es möglich, Kosten und Nutzen der Reformen für die Gesellschaft offen zu legen“, sagte Buch. Denn nicht alle in der Öffentlichkeit diskutierten Kosten sind tatsächlich gesamtwirtschaftliche Kosten: Ein erklärtes Ziel der Reformen ist, dass Kosten von Krisen künftig nicht durch den Steuerzahler, sondern durch die Eigentümer und Kreditgeber getragen werden müssen. Buch unterstrich jedoch: „Die Evaluierung darf nicht zum Vorwand genommen werden, die Reformen zu verwässern und die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems zu schwächen.“

Weitere Informationen finden Sie hier.

(Pressemitteilung Deutsche Bundesbank vom 29.11.2017)


Redaktion

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