• Home
  • /
  • Meldungen
  • /
  • Harter Brexit befeuert Steuerwettbewerb in Europa

13.09.2019

Harter Brexit befeuert Steuerwettbewerb in Europa

CFO Survey: Geschäfts- und Konjunkturaussichten für Deutschland im Sinkflug

© pict rider/fotolia.com

Im Fall eines sogenannten harten Brexit sehen sich Unternehmen in Europa mit einer unklaren Rechtslage konfrontiert, die eine Verschärfung des internationalen Steuerwettbewerbs nach sich ziehen könnte. Ein „No-Deal“-Szenario würde Großbritannien vor allem durch die wegfallende Bindungswirkung des Europarechts und der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs mehr Gestaltungsspielraum bei der nationalen Steuergesetzgebung bringen. Allerdings hätten sowohl deutsche Unternehmen, die im Vereinigten Königreich investieren, als auch britische Unternehmen, die in Deutschland investieren, dann zunehmend mit steuerlichen Nachteilen zu kämpfen. In Sachen Standortattraktivität könnte sich Deutschland daher zu Steuerreformen gezwungen sehen.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Analyse von Wissenschaftler/innen des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und der Universität Mannheim sowie von Dr. Sven-Eric Bärsch, Steuerberater und Assoziierter Partner bei der Sozietät Flick Gocke Schaumburg für die Fachzeitschrift „Der Betrieb“. In dem Beitrag werden neben den internationalen steuerlichen Belastungsunterschieden im Status Quo ebenfalls ertragsteuerliche Konsequenzen eines harten Brexit für deutsche Unternehmen aufgezeigt.

Für ihre Betrachtung gehen die Wissenschaftler/innen von einem „No-Deal“-Szenario aus, also davon, dass sich Großbritannien und die verbleibenden EU-Mitgliedstaaten bis zum 31. Oktober 2019 nicht auf ein Austrittsabkommen einigen können, und das Vereinigte Königreich infolgedessen durch den Brexit den Status eines Drittstaats ohne Zugang zum EU-Binnenmarkt und zur Europäischen Zollunion hat. Um die steuerlichen Standortbedingungen in einem Vorher-Nachher-Vergleich feststellen zu können, wurde die Entwicklung der effektiven Unternehmenssteuerbelastung zwischen den Jahren 2009 bis 2017 mithilfe des Simulationsmodells „European Tax Analyzer“ untersucht.

Wettbewerbsbedingungen verändern sich

Im Ergebnis stellen die Wissenschaftler/innen fest, dass Großbritannien bei einem harten Brexit zukünftig von der Rechtsprechung des EuGH sowie vom Beschränkungsverbot mit Blick auf die Grundfreiheiten im EU-Binnenmarkt ausgenommen sein wird. Einerseits entsteht dadurch ein rechtliches Vakuum, was mit Unsicherheiten für Unternehmen verbunden ist. Andererseits hat der britische Gesetzgeber damit die Möglichkeit, schärfere Abwehrgesetze gegen ausländische Unternehmen zu erlassen sowie nationale Branchen und Unternehmen auch einzeln zielgerichtet zu fördern. Zudem ist das Vereinigte Königreich dann nicht mehr an Mindeststandards bei der Bekämpfung von Steuervermeidung gebunden und kann somit flexibler auf veränderte Wettbewerbsbedingungen reagieren.

„All diese Faktoren zusammengenommen, könnten zu einer deutlichen Verbesserung der steuerlichen Investitionsbedingungen Großbritanniens nach dem Brexit führen“, sagt Prof.  Dr.  Christoph Spengel, ZEW-Forschungsprofessor sowie Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftliche Steuerlehre II an der Universität Mannheim. Hinzu kommt, dass die tarifliche Steuerbelastung für Unternehmen im Vereinigten Königreich mit 19 Prozent ohnehin schon geringer ist als in Deutschland, wo die kombinierte Ertragsteuerbelastung bei etwa 32 Prozent liegt. „Halten die Briten an der geplanten Senkung der Körperschaftsteuer auf 17 Prozent bis zum Jahr 2020 fest, könnte das zusätzliche Investitionsanreize am Standort setzen“, erklärt Spengel.

Kommt der harte Brexit, steht Deutschland unter Zugzwang

Allerdings zeigt die Analyse auch, dass britische Unternehmen durch den Brexit bei ihren Investitionen in den verbleibenden EU-Staaten nur noch unter den Schutzbereich der Kapitalverkehrsfreiheit fallen würden, was mit steuerlichen Nachteilen verbunden sein kann. Etwa besteht für britische Unternehmen ein erhebliches Risiko, dass Dividenden von in Deutschland ansässigen Tochtergesellschaften nach dem Brexit der Quellensteuer unterliegen. Bei Investitionen deutscher Unternehmen im Vereinigten Königreich könnte es wiederum nach einem harten Brexit zur Anwendung der deutschen Hinzurechnungsbesteuerung kommen, was zu steuerlichen Mehrbelastungen führen würde. Sollen schließlich Wirtschaftsgüter vom deutschen Stammsitz eines Unternehmens in die britische Zweigniederlassung überführt werden, gilt nach dem Brexit eine Sofortbesteuerung, was Zins- und Liquiditätsnachteile zur Folge hat. „Unter Umständen kann also die steuerliche Standortattraktivität des Vereinigten Königreichs für sämtliche Investitionsvorhaben deutscher Unternehmen auf der Insel enorm leiden, obwohl der britische Staat weitere Steuersenkungen plant“, erklärt Christoph Spengel.

Für den derzeitigen Hochsteuerstandort Deutschland kann der Brexit nach Ansicht der Wissenschaftler/innen bedeuten, dass eine eigene aktive Steuerpolitik über international abgestimmte Harmonisierungsmaßnahmen hinaus notwendig wird. „Viele EU-Mitgliedstaaten wie zum Beispiel Belgien und Frankreich haben in jüngster Zeit umfangreiche Steuerreformen umgesetzt oder angekündigt. Deutschland hat seine Unternehmensbesteuerung zuletzt im Jahr 2008 reformiert. Sollte der harte Brexit kommen, steht die Politik hierzulande unter Zugzwang“, fasst Christoph Spengel zusammen.

Eine Möglichkeit, die Standortattraktivität Deutschlands aus Unternehmenssicht zu erhöhen, wäre den Wissenschaftlern/-innen zufolge die Einführung einer steuerlichen Förderung von Forschung und Entwicklung (FuE). Mit dem Forschungszulagengesetz wurde die Einführung entsprechender Anreize im Juli 2019 beschlossen, die darin vorgeschlagenen Maßnahmen fallen jedoch deutlich geringer aus als zum Beispiel im Vereinigten Königreich. Dort sind unter anderem Sofortabschreibungen und Steuergutschriften zur FuE-Förderung möglich.

Zum Beitrag in „DER BETRIEB“

(Pressemitteilung ZEW vom 11.09.2019)


Redaktion

Weitere Meldungen


©stockwerkfotodesign/123rf.com
Meldung

©stockwerkfotodesign/123rf.com

10.08.2022

Unternehmen im Nachhaltigkeits-Blindflug: Acht von zehn Firmen brauchen bessere Daten zu ihren CO2-Emissionen

Eine deutliche Mehrheit der deutschen Unternehmen will in den kommenden Jahren klimaneutral werden. Doch bei der Umsetzung herrschen oft noch große Defizite. Häufig fehlt eine valide Datengrundlage zur Erfassung der eigenen Emissionen. Immerhin 65% der deutschen Unternehmen wollen bis spätestens 2035 klimaneutral sein, 82% bis 2045. Bei der Umsetzung dieser Ziele hapert es allerdings noch: Zwar überwachen etwas mehr als die Hälfte (57%) der Unternehmen die eigenen CO2-Emissionen, doch erst 16% verfügen über eine detaillierte Datenbasis dafür.

Unternehmen im Nachhaltigkeits-Blindflug: Acht von zehn Firmen brauchen bessere Daten zu ihren CO2-Emissionen
Venture Capital
Meldung

© WrightStudio/fotolia.com

09.08.2022

Klimaampel springt auf rot: Stimmung auf deutschem Venture-Capital-Markt wird frostiger

Die inflationsbedingte Ankündigung steigender Leitzinsen hat bereits im 1. Quartal 2022 dazu geführt, dass das Geschäftsklima auf dem deutschen Venture-Capital-Markt eingeknickt ist. Eine historische Zinserhöhung durch die FED in den USA und Erwartungen über einen strafferen Kurs der EZB haben die Stimmung im 2. Quartal weiter auf Talfahrt geschickt, so das German Venture Capital Barometer von KfW und BVK.

Klimaampel springt auf rot: Stimmung auf deutschem Venture-Capital-Markt wird frostiger
Buchhalter, Buchhaltung, Bilanz, Prüfer, Audit
Meldung

© Robert Kneschke/fotolia.com

08.08.2022

CHRO-Studie: Die Rolle der Personalchefs hat in der Pandemie an Bedeutung gewonnen

Die Funktion der obersten Personalverantwortlichen in den großen börsennotierten Konzernen hat über die vergangenen Jahrzehnte viele Aufs und Abs erlebt. Ursprünglich in den deutschen Aktiengesellschaften auch in der Rolle als Arbeitsdirektor regelmäßig im Vorstand verankert, kämpften viele Human Ressource-Chefs über die Jahre um die Relevanz ihrer Ressorts in ihren Unternehmen. Auch durch die Pandemie ausgelöst gibt es derzeit in vielen Unternehmen eine Aufwertung der Personalverantwortlichen.

CHRO-Studie: Die Rolle der Personalchefs hat in der Pandemie an Bedeutung gewonnen
CORPORATE FINANCE - Die Erfolgsformel für Finanzprofis

Haben wir Ihr Interesse für CORPORATE FINANCE geweckt?

Sichern Sie sich das CORPORATE FINANCE Gratis Paket: 1 Heft + Datenbank