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16.02.2016

Nur noch wenige Unternehmen in Europa trauen sich an die Börse

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Corporate Finance

84% weniger Börsengänge: Nach dem Spitzenjahr 2015 trauen sich in Europa nur noch wenige Unternehmen auf das Parkett. Auch die Prognosen werden zunehmend heruntergeschraubt.

Anfang Januar war die Welt im Investmentbanking noch in Ordnung. Mit Brain plante eine Biotech-Firma, an die Frankfurter Börse zu gehen. Das hatte es zuletzt vor rund zehn Jahren mit dem Münchener Krebsspezialisten Wilex gegeben. Überhaupt sollte es an Börsengängen nicht mangeln nach dem Superjahr 2015. Mit bis zu 15 Debütanten rechnete der Berater E&Y.

Doch das ist Vergangenheit. Es grassiert Unsicherheit, und die bremst die Börsenpläne von Unternehmen. Weltweit ist das Emissionsvolumen bei Aktien bis Mitte Februar mehr als um die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Erinnerungen an das Krisenjahr 2009 werden wach.

Noch schlimmer sieht es mit Blick auf reine Börsengänge aus. Hier beträgt der Rückschlag sogar rund 78%, so der Finanzdienstleister Thomson Reuters. In Europa beträgt der Rückschlag sogar 84%. Gerade einmal sechs Unternehmen schafften es auf das Parkett. Die Scandinavian Tabacco war mit einem Volumen von 539 Mio. USD die größte, die deutsche Brain mit 35 Mio. USD die zweitkleinste Neuemission. Noch kleiner fiel nur Italiens Autozulieferer Energica Motor aus. Volumen: 5,8 Mio. USD.

Barclays verschiebt Emissionsabteilung nach London

Bei den Banken führt die gebremste Börsenlust bereits zu Entlassungen. In Deutschland schließt die britische Barclays ihre Abteilung für Aktienemissionen. Deren Chef Sebastian Öchelhäuser muss mit seinem kleinen Team gehen. Enrique Febrer-Bowen übernimmt das Geschäft aus London heraus.

Milliardenschwere Börsengänge wie die ursprünglich für dieses Jahr geplante Emission der Postbank sind kein Thema mehr. Fraglich ist auch, ob die Versorger Eon und RWE für die abgespaltenen Töchter mit dem herkömmlichen Energiegeschäft ein Initial Public Offering (IPO) durchziehen, wie es im Fachjargon heißt. Außerdem sollte etwa der Kochbox-Lieferant Hello Fresh einen neuen Anlauf an die Börse wagen, auch der Baustoffhersteller Xella und der Immobilienkonzern Aurelius waren im Gespräch.

Kursswankungen bremsen Börsengänge aus

In Deutschland sehe die Pipeline an Neuemissionen ziemlich dünn aus, meint Christoph Stanger, der bei Goldman Sachs das Aktienemissionsgeschäft in Europa leitet. „Die starken Kursschwankungen bremsen Börsengänge aus“, urteilt er. Außerdem wollten die Investoren inzwischen die Jahresabschlüsse der Unternehmen vor dem IPO sehen. Damit ist aber erst ab Mitte März zu rechnen. Für Stanger ist bereits absehbar, „dass 2016 nicht mit dem Vorjahr mithalten kann“.

Schnellplatzierungen von Aktienpaketen bei Großanlegern wie Fonds gibt es seit Jahresbeginn in Europa praktisch nicht mehr. „Wer bei Kapitalerhöhungen und Umplatzierungen von Aktien nicht in Not ist, wird versuchen, seine Projekte zu strecken“, urteilt Oliver Diehl, der das Aktienemissionsgeschäft in Europa bei der Berenberg Bank leitet. Gerade dieser Bereich hatte 2015 geboomt. Platzierungen wie im Fall Evonik, wo sich der Finanzinvestor CVC schrittweise von seiner Beteiligung trennte, hatten für Aufsehen gesorgt.

Eigentlich hatte sich Deutschland als Standort für IPOs zurückgemeldet. Mit einem Volumen von gut 7 Mrd. € war 2015 das beste Jahr für Börsengänge seit 2007. Doch heute machen den Kandidaten auch die hohen Kursschwankungen zu schaffen. Bei einzelnen Aktien wie Commerzbank und Deutscher Bank kann die Notierung schnell um zehn Prozent und mehr schwanken.

Unsicherheiten bestimmen das Marktgeschehen

Doch es geht nicht nur um einzelne Aktien: „Die relevanten Marktbarometer zur Messung der Volatilität liegen in Europa und auch in Deutschland über der Marke von 30%“, betont Foruhar Madjlessi, Co-Chef für das deutsche Aktienemissionsgeschäft bei der Deutschen Bank. „Wir erleben derzeit eine Anpassung der Erwartungen“, steht für Stefan Weiner fest, der bei JP Morgan den Bereich Aktienemissionen in Deutschland leitet: „Dieser Prozess kann noch eine Weile andauern, beispielsweise mit Blick auf die Gewinnaussichten der Unternehmen und das Wirtschaftswachstum.“ Generell ist mit einer höheren Bewertung der Aktien in den USA und Europa erst einmal nicht zu rechnen. Die Kurse sollten sich deshalb seitwärts bewegen, urteilt Goldman-Banker Stanger. „Vom jetzigen Niveau ausgehend erscheinen Kursgewinne von zehn bis zwölf Prozent bis Jahresende möglich“, skizziert er die Kurschancen. Doch dazu braucht es einige Voraussetzungen: Trotz aller Unsicherheit darf Chinas Wirtschaft nicht abstürzen, und der Ölpreis muss bei 30 USD einen Boden bilden. Von dem niedrigen Ölpreis könnte vor allem Europa profitieren, da er wie ein kostenloses Konjunkturprogramm verknüpft mit einer Steuersenkung für die Verbraucher wirkt.

Aber der Markt werde derzeit „von einigen Angstfaktoren verunsichert , Investoren bauen ihre Risikopositionen ab“, sagt Weiner. Am Ende kommt aber bei den Investmentbankern wieder der Optimismus durch: „In diesem Jahr sollten acht bis zehn Börsengänge im deutschen Markt möglich sein“, meint Diehl von der Berenberg Bank. Das wäre ein versöhnliches Ergebnis.

(Quelle: Handelsblatt vom 16.02.2016)


Redaktion

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